Eile mit Weile im Kampf ums
Dasein und als Spiel
Die dümmste Frage eines Siebenjährigen
Bei einem weltweit durchgeführten Test „Wer hat als Siebenjähriger die dümmste
Frage gestellt?“ hätte ich zweifellos den ersten Preis gewonnen. Die Geburt
meines jüngsten Bruders dauerte sehr lang. Bis zum frohen Bescheid der
Doch-noch-Ankunft des Benjamins – unsere Mutter war schon 44 Jahre alt –
geschlagene fünf Stunden. Wir verbrachten sie bei der Nachbarin, mussten an
diesem für uns wichtigen Tag nicht in die Schule gehen.
Meine Schwester – nach rätoromanischer Art auf den Namen Henrica getauft – und
ich wurden zur Nachbarin geschickt. Da würfelten wir nach der Losung „Eile mit
Weile“ das damals in deutschen Landen für Kinder beliebteste Spiel um die Wette
in den Himmel. Auf einmal liess uns Frau Schulprofessor Herzog wissen, dass wir
ein Brüderchen bekommen haben. Ich wusste nichts Besseres zu fragen als
„Weiss äs s´Mutti scho?“
Alle lachten, schmunzelten wenigstens. Niemand ausser Enrica nahm es mir übel
und korrigierte sofort meine Einfalt. Mein Echo auf die Nachricht der Ankunft
von Peter Junior war bald ehernen Bestandteil der Familienchronik, bei späteren
Zusammenkünften als Prunkstück meiner damaligen Unschuld präsentiert. Es wurde
auch beim Galaessen meiner Hochzeit zum Besten gegeben. Alle lachten abermals. –
vielleicht sogar ich, froh darüber, wenigstens einmal im Mittelpunkt des
Familiengeschehens zu stehen, ohne mir bewusst zu sein, die dümmste Frage
gestellt zu haben, die im Verlauf der ganzen Weltgeschichte einem Siebenjährigen
– stets die Mutter im Blickfeld – je in den Schwachsinn gekommen ist.
Ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.
Gibt es dafür überhaupt eine andere Erklärung, vielleicht die, dass Rica mich
als ihr liebstes Spielzeug behandelte? Ich liebte sie vielleicht mehr als meine
eigene Mutter, sah – selbstlos wie die Mutter war – nur Ricas Befinden. Und
vermisste ihre Fürsorge fürchterlich, als sie einmal bei der Tante im Toggenburg
die Ferien verbrachte. Dann konnte mich die Mutter nach Lust und Laune
„vernudeln“, das heisst liebkosen.
Rica sah mich in ihrer Obhut. Niemand durfte mich in ihrer Gegenwart liebkosen.
Ich war schliesslich ihr Besitz, ihr Eigentum.
Als sie von den Ferien zurückkehrte, brachte ich meine Freude über das
Wiedersehen mit einer heftigen Umarmung zum Ausdruck. Ihre schroffe Antwort:
„Druck mich nöd so fest, ich ha dänk geschtert Buchweh gha“. Ich wusste es
nicht, niemand hatte es mir gesagt. Ich wusste überhaupt nichts ausser dem, was
Rica vorher auch für mich gedacht hat – immer das Beste für den kleinen Bruder,
ihre grösste und erst noch lebendige Puppe. Unter diesen Voraussetzungen wollte
ich auch einmal etwas Eigenständiges sagen, wenigstens fragen.
„Du Dummkopf, das ist doch der Säntis“
Wenn ein Schweizer in einem solchen Zusammenhang „dänk“ sagt, so meint er im
Grunde: der Andere sollte dies doch eigentlich selber wissen, es bedenken, so
dass er nicht danach fragen müsste. Mancher Fremder erhielt im Appenzellerland
auf die Frage „Wie heisst denn dieser Berg?“ die schnellfertige Antwort eines
Einheimischen: „Das isch dänk de Sentis!
Victor J. Willi, Rom Disentis
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