Cécile
Ich sitze auf einem Kissen mit der Aufschrift „Nur ein Viertelstündchen“, Cécile meine vor 8 Jahren und 204 Tagen verstorbene Frau, hat die drei
Worte mit weissem Seidenfaden in schönen Lettern auf das grüne Kissen in einen unserer Sessel gestickt.
Eigentliche dürfte ich nicht auf dem Kissen sitzen, müsste die kreative Künstlerin dadurch ehren, dass niemand, auch ich nicht, auf dem Kissen sitzen darf.
Es ist wirklich ein Kunstwerk, wie so vieles das sie hinterlassen hat und mich an ihr schöpferisches Talent erinnert, so wenig nach aussen genutzt, nur für das Haus geschaffen und dort, wie jetzt ich, indem ich auf dem Kissen sitze, das Kunstwerk nicht in Ehren halte.
Wo man sitzt, besitzt man etwas, auf die denkbar deutlichste Weise, verkennt die Errungenschaften, die man würdigen soll, ohne ihrem Besitz zum Opfer zu fallen...
Das soll nun sofort bedacht und beachtet werden, die Erkenntnis kommt sehr spät doch zeitig, rechtzeitig vor dem Tod. Niemand soll mehr auf dem Kissen sitzen. Ich nagle es an eine Wand, zu meiner und aller andern Besichtigung und Erinnerung, oder lege es einstweilen über ein anderes Kunstwerk von ihr: das Stühlchen, sorgsam und wunderbar verziert in vielen Farben, mit der Aufschrift „Valentino“, dem Namen ihres einzigen Enkels.
Hier kommt ein anderer Beweis ihres grossen künstlerischen Talents zum Ausdruck, ihrer zu wenig nach aussen genutzten Fähigkeiten. Wollte sie dadurch unser Haus zum noch schöneren besonderen Tempel gestalten? – (Wir haben es am 10. November 1974 bezogen – ich trug sie damals über die Schwelle, kein Kunststück angesichts ihrer 50 Kilos und meiner damals noch ziemlichen Kraft. Vom Tod gezeichnet hat Cécile es am 8. November 2000 verlassen und verstarb am 9. Februar 2001 in Lugano auf eigenen Wunsch.)
So ist Cécile, obwohl schon mehr als acht Jahre nicht mehr unter uns, durch das, was sie hinterlassen hat, stets mitten unter uns in unserem Haus, in dem sie fast auf den Tag genau 26 Jahre lebte und unvergessliche Spuren ihres Hierseins hinterlassen hat.
In Gedanken dank ich ihr. Ich kann es ihr nicht mehr mit Worten und einem Lächeln sagen wie so häufig zu ihren Lebzeiten, wenn ich beispielsweise bemerkte: „Leben wir nicht im Paradies?“ und sie antwortete: „Ich wusste gar nicht, dass man im Paradies so viel arbeiten muss.“
So muss ich das zugleich traurige und beglückte Herz vom Diesseits ins Jenseits schicken und hoffen, dass sie es irgendwie erfährt, Stefan und mir hilft, wo wir es allein – jeder für sich – im Verhältnis zum andern nicht erreichen können.
Victor J. Willi, Rom Disentis
Hier
geht es zum:
Inhaltsverzeichnis
aller verfügbaren
Beiträge