Die Mörder leben unter uns – sogar in Flims
Wer verfolgt die agents provocateurs in der Schweiz?


Alle Male, wenn ich von Chur nach Disentis oder von Disentis nach Chur fahre, kommt mir vor der Tunneleinfahrt südlich von Flims eine alte Geschichte in den Sinn. Auf 18 Uhr war ich im zweiten Aarauer Lions Club für die Weihnachtsfeier eingeladen, konnte keine unnütze Zeit vergeuden. In Flims Dorf kam der Verkehr ins Stocken. Ein älterer Herr mit „Dächlikappe“ fuhr im 20 km-Tempo durch den Kurort. Unerschütterlich, seiner Sache ganz sicher. Dabei war – damals – lediglich eine 50 km/h-Limite vorgeschrieben.

Ich sah nicht ein, warum der Mann mit der Dächlikappe keinen Stundenkilometer schneller fuhr und erlaubte mir, das bekannte Signal für das etwas schnellere Fortkommen auszusenden. Keine Reaktion. Mir kam vor, er hätte seine Fahrt noch verlangsamt. Was blieb mir anderes übrig, als ihn links zu überholen, doch dann beschleunigte der Mann mit der Dächlikappe seinerseits die Fahrt, liess mir keinen Platz, um notfalls wieder in die rechte Fahrbahn zu gelangen. Denn aus der entgegengesetzten Fahrspur näherte sich ein Auto in ziemlicher Geschwindigkeit. Was blieb mir anderes übrig, als den nächsten Wagen in beschleunigtem Tempo zu überholen. Ein anderes Verhalten hätte zum Frontalzusammenstoss geführt. Mitten in Flims! Welche Aufregung unter den sich erholenden Touristen. Riskierte ich mit den blossen erlaubten 50 km/h nicht einen tödlichen Unfall – mein eigenes Leben und das Leben anderer Menschen?
Den Mann mit der Dächlikappe konnte ich nicht mehr zur Rede stellen. Mir blieb nichts anderes übrig, als sofort die Polizei in Flims zu verständigen. Leider bestand ich nicht auf ein Protokoll.

Vermeintliche Weltverbesserer können potentielle Mörder sein
Der Kantonspolizist kannte das Phänomen der Mörder unter uns, jene Automobilisten, die sich einen Sport draus machen, bei langsamer Fahrt die hinter ihnen rollenden Automobilisten zum Überholen zu verleiten.
Ein bedächtiger alter Schweizer oder Deutscher wollte dem Jüngeren etwas beibringen, nämlich immer langsam durch die Dörfer zu fahren. Vielleicht kam er sich als Pionier für die später eingeführte 30 km/h-Limite vor, verstand sich als Vorreiter für eine verbesserte Weltordnung.
Wie viele völlig korrekt fahrende Automobilisten liessen sich bereits durch sein Verhalten zum Überholen mit vielleicht schlimmen Folgen verleiten, weiss ich nicht. Ich weiss hingegen, dass es leider auch bei uns eine Art von Moralisten gibt, die nicht wissen, dass sie im Grunde potentielle Mörder sind.

Kein Zuhause mehr seit 1945
Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Deutschland viel die Rede von den Mördern mitten unter uns. Über dieses Thema gab es sogar einen Film und ein Buch und eine Flut von Zeitungskommentaren. Gemeint waren All die Bundesrepublikaner, die wenige Jahre zuvor besonders begeisterte Nationalsozialisten waren. Indem das Nürnberger Kriegsgericht nur die Schlimmsten der Schlimmen zur Verantwortung ziehen konnte, blieben Hunderttausende – Millionen – nicht nur Bundesrepublikanern, mit vielen während der Nazi-Zeit begangenen Untaten unbescholten. Sie brachten es vielleicht zu Ruhm und Ehre wie Herbert Reinecker, der gerissene Drehbuchautor der Derrick-Krimiserie, weltweit ausgestrahlt noch heute in irgendeinem Land der fünf Kontinente.

Einige Kommentatoren dieser Krimis haben hervorgehoben, dass der stets besonnene, verständnisvolle Kommissar mehr für die Bundesrepublik getan hat, als der beste Aussenminister mit der besten Politik für sein Land hätte tun können.
Kurz vor dem Tod mit mehr als 90 Jahren stand der wohl erfolgreichste Drehbuchautor Europas Rede und Antwort über sein erst dürftiges, dann umso luxuriösere Leben bis hin zum Besitz einer Ferienresidenz an einem der herrlichen bayrischen Seen. Ich habe das Interview in der WELTWOCHE gelesen. Es war kurz und bündig und füllte lediglich eine Spalte. Was der Interviewte zuletzt bekannte: dass er seit 1945 kein Zuhause mehr gefunden habe, lässt tief blicken und spricht Bände für eine ganze Generation, die im Rausch des Führerkults einfach nach dem alten Satz – lange vor Hitlers Geburt im Umlauf – „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ lebten: Sind einmal alle Erdenbürger so pünktlich und tüchtig und tapfer und treu wie die Nachkommen der alten Germanen, dann ist doch das Himmelreich auf Erden errichtet? Dies glaubten Millionen Deutsche und nicht wenige Schweizer in den 30er und ersten 40er Jahren.
Höchst verwunderlich an dieser Geschichte ist eigentlich nur das eine: dass dieser Satz – der Schlüssel zum Verständnis des Nationalsozialismus – kaum irgendwo an die grosse Glocke gehängt wurde und wird und lediglich nebenbei die Spalte einer Schweizer Wochenzeitung füllte und nach meinem Wissen zur weiteren Besinnung auch von keinem einzigen Leserbrief aufgeworfen wurde.

Alles in allem: potentielle Mörder leben mitten unter uns, auch in der Schweiz, wenn sie nicht wissen, was sie mit moralistischer Denkausrichtung Verhängnisvolles heraufbeschwören können. Das Schweigen in der Weltwoche könnte nicht nur einen Schwarzmaler traurig stimmen. Immerhin zum Trost: Mit dem Tunnelbau zur Umfahrung von Flims können solche potentielle Mörder kaum länger Unheil stiften. Wenigstens nicht in Flims.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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