Wer das Ziel nicht kennt, weiss
nichts über den Weg
Werner Bergengruen
Ethik- statt Religionsunterricht
Ein richtig verstandener, richtiger und wichtiger Schritt in der richtigen
Richtung
Aus naheliegenden Gründen fand die Einführung des Ethik- statt bisherigen
Konfessionsunterrichts in den Schulen nicht die einhellige Zustimmung und
Unterstützung aller Pfarrherren und – wo vorhanden – Pfarrfrauen. Der mehrtägige
Besuch im Shivananda-Kloster von Rishikesh am Fuss des Himalaya, dort, wo der
Ganges-Fluss das Hochgebirge verlässt und in die riesige Ebene mündet, führte
mich 1962 zur Überzeugung der Richtigkeit dieses heute wenigstens europaweit
beschrittenen Weges der Schuldbildung.
Der längst verstorbene Gründer dieses Aschrams erklärte mir vor dem Abschied
etwas Unvergessliches: Die Vertreter der verschiedenen Religionen, Konfessionen,
Weltanschauungen und blossen Ideologien sah er auf dem Weg zum Gipfel eines
hohen Berges. Bis fast zuoberst voller Dickicht. So erkannten die zahlreichen
Bergsteiger erst kurz vor dem Ziel, im Grunde das Gleiche gesucht zu haben. Wie
auch immer sie es genannt haben mochten. Der dichte Wald verunmöglichte den
Blick auf das für alle Verbindliche.
Kann unter solchen Voraussetzungen der vor Jahren in den meisten Schweizer
Schulen eingeführte Ethik- statt früheren Religions– oder genauer –
Konfessionsunterricht im Blick auf diese Erkenntnis ein für alle Menschen
verbindlicher richtiger Schritt in der richtigen Richtung bedeuten? Ist dies
nicht einer der tieferen Gründe, warum viele – freilich längst nicht alle –
Befürworter des Ethik- statt Religionsunterrichts diese Neuerung im Schulbetrieb
gewünscht, verlangt und schliesslich durchgesetzt haben? Können wir sie nicht
zuletzt als einen positiven Aspekt der Globalisierung in Richtung eines wirklich
gesicherten Weltfriedens betrachten? Mehr als das, was die Menschheit nach
jahrhunderte langen Bemühungen um das die nationale Souveränität anerkennende
Völkerrecht erreicht hatte: einen im grossen Ganzen seit 1948 dank des
Sicherheitsrates der Vereinten Nationen und ihrer Blauhelme auf Zeit und Abruf
weltweit einigermassen durchgesetzten blossen, allerdings 65-jährigen
Waffenstillstandes?
Mauri- und aufgeklärte Gerechtigkeit
Der Ethikunterricht geht davon aus, dass es heute ein von den meisten Menschen
anerkanntes Weltethos gibt. Was der Mauri-Führer in Neuseeland während eines vor
150 Jahren durchgeführten englischen Justizverfahrens dem Richter zu bedenken
gab, wirkt heute überholt, ruft weltweit über das Erstaunen hinaus bestenfalls
das Gelächter der aufgeklärten Menschen auf den Plan. Er hatte einen fremden
Stamm zu einem gemeinsamen Fest in sein Lager eingeladen. Zur vorgerückten
Stunde, als die Gäste alkoholträchtig bei bester Stimmung waren, liess er sie
durch die eigenen Stammesgenossen umbringen.
Vor das Gericht der englischen Kolonialherren gestellt, war der “siegreiche“
Stammesführer seiner Sache derart sicher, dass er sich nicht durch einen
englischen Rechtsbeistand verteidigen lassen wollte. Er erklärte: “Beasts eat
beasts, birds eat birds, why shouldn’t men eat men?” (Tiere fressen Tiere, Vögel
fressen Vögel, warum sollten Menschen nicht Menschen fressen?) erklärte der
Stammesführer zur Verwunderung der englischen Kolonialherren, als wäre es die
selbstverständlichste Sache der Welt.
Diese Art von Selbstverteidigung wäre heute nicht mehr möglich. In keinem Staat
auch nur denkbar. Mord wird innerstaatlich wenigstens grundsätzlich als Delikt
behandelt und verfolgt. Im Blick auf die Vorgänge in Libyen gilt das allerdings
keineswegs. Da muss eine noch so aufgebrachte, aber von verschiedenen Interessen
gelenkte Menschheit zusehen, wie ein Diktator die völlig zu Recht Aufständischen
massenhaft sterben lässt. Die entsetzte, aber bisher ohnmächtige
Völkergemeinschaft vermag ihn nicht daran zu hindern. Noch nicht: eine
potenzierte UNO mit Sanktionsbefugnis in allen Bereichen, wo das Überleben der
ganzen Menschheit auf dem Spiele steht, könnte es mit wirklich vereinten Kräften
tun. Dass wir Erdenbürger:
• mit dem Arsenal von Atomwaffen im Besitz – jetzt – von acht souveränen Staaten
und den bisherigen 195 und projektierten 116 keineswegs erdbeben- und
vulkansicheren Atomkraftwerken im Besitz von jetzt 17 Einzelstaaten;
• mit dem Hunger in der Dritten Welt (und vielleicht bald in unserer Mitte);
• mit dem internationalen Terrorismus und der Hochseepiraterie;
• mit der längst noch nicht beigelegten Finanz- und Wirtschaftskrise;
• mit der lediglich programmierten, nicht gezügelten Erderwärmung;
........auf einem Pulverfass sitzen, hat sich längst herumgesprochen, ist über
die libyschen Ereignisse hinaus derart offensichtlich geworden, dass Mann/Frau
sich nur wundern kann, warum eine derart gesicherte 1991 propagierte Weltordnung
seit zwanzig Jahren nur auf dem Papier steht, mit den bisher vermehrten Gefahren
im Interesse der dazu Berufenen – wir alle – nicht schon längst durchgesetzt
wurde.
Bereitschaft zur Spende, der fünfte und letzte Ausweg aus der Sackgasse der
bisher chaotischen Globalisierung nach der Erkenntnis der Not-Wendigkeit:
• des Wohlverhaltens ohne Stolz;
• der unumgänglich gewordenen Weltkonföderation;
• der Konzentration des Guten, statt immer weiter (fast nur) des Bösen;
• des alle Grenzen überspringenden Humors;
........braucht es noch die Spendebereitschaft der Wohlhabenden für die
Bedürftigen. Seit Jahrtausenden betteln die buddhistischen Mönche für ihre
tägliche Nahrung. Sie werden aber von der Bevölkerung ihrer Länder nicht als
Bettler, sondern als Helfershelfer zur eigenen Vervollkommnung buchstäblich
“angesehen.“
Schenker und Beschenkte befinden sich auf dem gemeinsamen Weg in der richtigen
Richtung zum alle mit allen verbindenden Ziel.
Wie viele der hunderttausenden AHV-Bezüger könnten auf die ihnen zu Recht
zustehenden monatlichen Bezüge verzichten und damit die bald einmal arg
gebeutelten Staats- und Krankenkassen entlasten, vielleicht bald einmal über
Wasser halten?
Wie viele der arg verpönten Abzocker könnten dem Beispiel einiger ihrer
Vertreter folgen und von den verdienten Mammut-Boni wenigstens einen Teil davon
für gute Zwecke ausgeben und damit ihre Banken und deren Kunden retten? Hängt
letztlich nicht alles mit allem zusammen, sitzen wir nicht alle mit allen im vom
Untergang bedrohten gleichen Boot? Braucht es den libyschen Bürgerkrieg und die
mögliche weltweite Verseuchung durch explodierende Atomkraftwerke, um der
Menschheit Besinnung auf das offensichtlich weltweit Bessere und Unumgängliche
zu verschaffen?
Victor J. Willi, Rom Disentis
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