Gehört die Frau ins Haus?

Ich schäme mich nicht meiner Mutter… und Frau

Ein wunderbarer Kommentar, jener von Verena Zimmermann, mit der verfänglichen Überschrift “Die Frau gehört ins Haus“
(im Bündner Tagblatt 10.3.11, S. 2)

Dem letzten Satz möchte ich lediglich etwas beifügen. Wenn Frau Zimmerfrau, pardon Zimmermann – schreibt: „Jetzt haben sie (die Frauen) die Hände frei, um zusammen mit den Männern anzupacken und Verantwortung zu tragen“, so fehlen m.E. noch acht Wörter: “möglichst nicht zu viel, zu viel ist ungesund.“ Dies sollte vor allem hinsichtlich unserer Mütter und Grossmütter vermerkt werden. Die Mutter meiner Mutter war Geschäftsfrau in der sogenannten Belle époque, die besonders schön war für die Oberschichten. Zwischen 1871 und 1914. Meine Tata (die Mutter des Vaters) aus Disentis hatte neun Kinder und war die klassische Frau im Haus. So wie meine eigene Mutter. Mit ihren fünf Kindern “am Hals“ trug sie die grösste Verantwortung im Haus. Mein Vater, Rechtsanwalt (kein Linksanwalt, wie er betonte) war lediglich am frühen Morgen und am Abend und am Sonntag zu Hause. Meist um zum Rechten zu sehen. Wenn dem cholerischen pater familias wegen unseres schrecklichen Tuns und Unterlassens die Nähte platzten, ihn der heilige Zorn (ähnlich jenem des so verstandenen Gottvaters) erfasste, wären wir Kinder am liebsten im Boden versunken.

Die Mutter wirkte als Klagemauer und leibhaftiger Schutzengel in unserer grossen Not. Ich weiss nicht, was ohne ihren Beistand mit uns geschehen wäre. Ich schäme mich meiner Mutter “nur im Haus“ keineswegs.

Ich weiss, nach den heute gängigen Massstäben ein Ewiggestriger zu sein, wenn ich finde, dass eine Frau mit vielen Kindern sich nicht nur in einem Beruf ausser Hauses, sondern sich auch in den eigenen vier Wänden zu verwirklichen vermag. Zum Glück konnte ich meiner Frau in Rom die eigene Selbstverwirklichung zu Hause ermöglichen. Sie hatte kurz für eine in Rom stationierte deutsche Firma gearbeitet, war dann aber heilfroh und dankbar, dass sie malend, schreibend, lesend und “gärtnerisch“ die Zeit zuhause in Riano nach ihrem gusto verbringen konnte.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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