Lang-Mut statt
Kurz-Schluss-Entscheidung angesagt!
CVP – das "C" mehr Handicap als Attraktion?
Es trifft für sozusagen alle
christlich demokratischen oder christlich sozialen Parteien nördlich der Alpen
zu: Je nach der Beliebtheit eines Papstes oder auch “nur“ Bischofs setzen sie
ihr Bekenntnis zum Christentum mehr oder weniger wirkungsvoll ein. Längst nicht
immer verstecken sie das “C“ in ihrem Label, heben es vielmehr da und dort und
nicht nur in Bayern und der Innerschweiz wirkungsvoll ein.
Von Johannes XXIII. zu Johannes Paul II.
Zur Zeit des Johannes-Papstes 1959 – 1963 hatten die Mitglieder und Wähler
dieser Parteien mit dem C im Wappen einen besonders grossen Rückhalt. Der weit
über alle Grenzen hinweg beliebte, ja geradezu populäre Papst wurde wegen seiner
aufgeschlossenen Haltung auch gegenüber Andersgläubigen und Andersdenkenden
anderer Konfessionen und Religionen geradezu verehrt.
Die grösste äusserliche Bewunderung verdiente jener Papst während der Kubakrise
1962. Mit seinen Bittschreiben nicht nur an den ersten katholischen
amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, sondern auch an den sowjetischen
Machthaber Nikita Chruschtschow trug Johannes XXIII. entscheidend zur Rettung
des Weltfriedens (genauer würde es heissen Weltwaffenstillstandes) bei. Dies
wird häufig nicht gebührend gewürdigt.
Sein Humor tat das Seinige, um selbst hartgesottene protestantische, orthodoxe,
muslimische und hinduistische Herzen zu erweichen. „Jeder kann Papst werden, der
beste Beweis bin ich“, sagte er einmal schmunzelnd und hatte gleich alle Zuhörer
auf seiner Seite, der Seite des Papsttums. Die alle Grenzen überschreitende
Kraft der lachenden Träne kennzeichnete seinen Nachnachfolger Johannes Paul I.
in besonderem Mass – allerdings nur für 33 Tage lang weltweit ausgestrahlt.
„Zwei Dinge sind schwer zu bekommen im Vatikan: Ehrlichkeit und eine gute Tasse
Kaffee“, erklärte Albino Luciani einem Vertrauten schicksalsergeben.
Der heroische Papst Johannes Paul II.
Der am kommenden 1. Mai selig gesprochene letzte Papst Johannes Paul II. rührte
die Menschheit wenigstens wegen seiner heroisch erduldeten langen Krankheit bis
zum Erlöschen mit 85 Jahren. Dass er am Priesterzölibat und der Ablehnung der
Frauenordination festhielt, wurde ihm weniger vorgeworfen als dem gegenwärtigen
professoralen deutschen Papst Benedikt XVI.
Alles in allem lässt sich festhalten: besonders nördlich und westlich der Alpen
bemisst sich die Popularität eines Kirchenfürsten in hohem Mass nach den eigenen
modernen Vorlieben. Widerspricht seine Lehrmeinung den Präferenzen in den von
der Reformation und Aufklärung geprägten Ländern, so hat ein Papst bald einmal
einen sehr schweren Stand. Die katholische Kirche muss damit leben. Schlecht und
recht, je nach den von den meisten Gläubigen irgendwo irgendwie gehegten, gerade
bevorzugten Ansichten und Ansprüchen.
Kaum verbreitete Kirchenaustritte in Italien und anderswo
Entgegengesetzt die Haltung in den lateinischen Ländern, vor allem in Italien.
Da haben die Leute wenigstens in dieser Hinsicht einen längeren Atem. In Rom
hörte ich zum ersten Mal den Satz “Se muore un papa, si fa un altro“. (Stirbt
ein Papst, so wird ein neuer erkoren.) Passt ein Oberhaupt – mehr Pontifex als
“der Diener der Diener“, der angeblich höchste Titel des Papsttums – nicht so
richtig ins Konzept der Römer, überhaupt Italiener, so tröstet man sich mit der
Hoffnung auf einen nächsten passenderen Papst. Geduld statt engstirnige
einseitige, vielleicht nur in einem bestimmten Augenblick notwendig erscheinende
Ausrichtung ist angesagt.
Der vom Sonntag geprägte Werktag
Dass kein Papst es allen recht machen kann, ist für die meisten Italiener eine
Selbstverständlichkeit. Sie verfügen über eine bald 2000-jährige Erfahrung!
Kirchenaustritte halten sich in Grenzen. Da und dort kann sogar in den Städten
von einem Revival gesprochen werden. „Geh ich am Sonntag nicht in die Kirche,
fehlt mir etwas die ganze nächste Woche lang“, erklärte mir kein
unerschütterlicher Kleriker, sondern ein ganz “gewöhnlicher“ benzinaio
(Tankwart), um die Zeit bis zum vollen Behälter zu überbrücken. Ich hatte ihm
überzählige Pfirsiche aus meinem Garten geschenkt. Er packte die Gelegenheit
beim Schopf, mir etwas Wichtiges über die Eigenart des Katholizismus im nach wie
vor fast ausschliesslich katholischen Land mitzuteilen.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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