Schöne erlebte Geschichten
aus aller Welt (Schweiz Graubünden 2011)
Ilanzer Spital - klein, aber fein
Drei schöne Erlebnisse im Ilanzer Krankenhaus haben sich im Gedächtnis für den
Rest meiner Tage eingeprägt. Das erste betrifft einen Krankenpfleger, der volles
Verständnis für mein besonderes Problem zeigte. Am Hals leisteten ein paar lange
Haare meinem – zugegeben – nicht mehr nigelnagelneuen Rasierapparat
erfolgreichen Widerstand.
„Kein Problem“, sagte der Pfleger und holte aus dem Instrumentarium der
Chirurgen eine gekrümmte stumpfe Schere, die mir wie vom Himmel fiel. So konnte
ich in aller Ruhe das bewerkstelligen, wofür während des mehrtägigen
Aufenthaltes im Ilanzer Spital die Zeit buchstäblich “vor-handen“ war.
„Wissen Sie, diese Dinge werden ohnehin regelmässig heiss gewaschen, eine Schere
mehr oder weniger im heissen Kübel spielte da keine Rolle“, erklärte er mir, um
sich und mich zu entschuldigen für seine grosse spontane, durchaus legitime
Hilfe.
Individuelle Behandlung statt allgemeiner Abfertigung.
Wo in aller Welt kann ein Patient in irgendeinem Krankenhaus ein solch
ausgefallenes Anliegen auch nur vorbringen, geschweige denn erfüllt sehen?
Wahrlich bedarf es eines kleinen, aber feinen Spitals, wo so etwas für jemanden
ohne Rang und Namen geschehen kann.
Das zweite Beispiel meines unvergesslichen Aufenthaltes im Ilanzer Spital: Es
war schon spät am Abend. Meine Telefonkarte war abgelaufen, die Abteilung für
den Neubezug längst geschlossen. Da überreichte mir die Pflegerin eine noch
halbwegs gültige Karte und schob sie in die Vorrichtung. Ohne weitere Erklärung.
Später konnte ich das Rätsel selbst auflösen. Viele Patienten verlassen das
Spital und achten nicht auf die mögliche Rückerstattung. Antonia überreicht sie
einem Hilfsbedürftigen.
Erfüllter Sonderwunsch zur Überbrückung der Wartezeit
Notfälle haben den Vortritt rund um die Erde. So darf sich kein Patient wundern
oder gar ärgern, wenn ein für ihn von langer Hand vorbereiteter Termin nicht
eingehalten werden kann, sein Wagen für die Röntgenaufnahme im Korridor stecken
bleibt. Der Pfleger erklärte den Sachverhalt und bat um Entschuldigung. „Macht
überhaupt nichts, wenn Sie mir ein paar Bogen Papier mit einem Kugelschreiber
verschaffen. Dann können Sie mich getrost eine Stunde lang warten lassen.“ Er
fand sogar noch eine feste Unterlage. So konnte ich in aller Ruhe all das
schreiben, was Sie – verehrte Leserschaft – über die letzte der drei Rosinen
meines Aufenthaltes im kleinen, aber feinen Ilanzer Spital, soeben gelesen
haben.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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