Zyklus: Schöne Geschichten aus fünf Kontinenten

Mitten im Ferragosto ohne Wasser
L’amico di un amico è un amico – doch wenn auch der Freund mit allen Freunden den Ferienmonat am Meer oder in den Bergen verbringt?


Merkwürdig: Jahrelang konnte ich den Hahnen nach links drehen und floss das Wasser ganz normal. Ausgerechnet während des Ferienmonates der Italiener - und übrigens bereits der Alten Römer - blieb der Eimer ohne einen einzigen Tropfen. Auch nicht in den andern Zimmern. Offensichtlich war die Wasserzufuhr irgendwie blockiert. Ein Rätsel für mich und die Nachbarn, die bereits aus dem Ferragosto zurückgekehrt sind.

Ich verfüge seit Jahren über einen Schutzengel in Fleisch und Blut. Guido nennt er sich. Guido Virgilli mit seinem Nachnamen. Der frühere Bahnhofvorstand von Castel nuovo di Porto tut alles für mich, was er tun kann, ist ein Freund geworden mit seiner ganzen Familie bis zu den Enkeln und deren noch lebenden Urgrossmutter. Häufig war ich mit meiner Frau bei ihnen zu Gast. Ich habe sie meinerseits nach Hause in Riano und seit ihrem Tod ins Restaurant eingeladen.

L’amico di un amico è un amico, der Freund eines Freundes ist ein Freund, gilt in Italien. So stehen mir in einer Notlage auch Helfershelfer zur Verfügung… doch jetzt sind auch sie im Ferragosto, was ja eine Abkürzung von Ferie-in-agosto ist und bedeutet, den Ferienmonat am Meer oder in den Bergen zu verbringen.


Hoch-Zeit der Diebe und der Mafia

Ist das der Grund, warum die Diebe während dieses Monats sehr beschäftigt sind, die Diebe im Dienst der Mafia und die frei beruflich arbeitenden Diebe Hoch-Zeit feiern? Ein guter Grund, den „pizzo“ zu bezahlen und seelenruhig in die Schweiz und früher gleich monatelang nach Australien zu reisen?

Zur Zeit, während dieses Augustes, bange ich nicht um mein Hab und Gut, sondern „lediglich“ um das fliessende Wasser im Haus. Vorsorglich habe ich viele Mineralflaschen gefüllt mit Hahnenwasser herumstehen. Vorderhand kann ich sogar die Blumen begiessen und warten, bis Guido vor Ende des Ferienmonates zurückkehrt und mit Freunden dafür sorgt, dass ich wieder zu meinem fliessenden Wasser sogar in den Toiletten komme.

Die Wartezeit bis zum nächsten Samstag, sechs Tage lang, ist segensreich und kann ich mir fast für jedermann in der wasserreichen Schweiz wünschen. Denn bereits vertreten nicht wenige Experten, das grösste Problem der Zukunft seien nicht die Atombomben und die Erderwärmung, nicht einmal der Terrorismus und die Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern schlicht und einfach das fehlende Wasser, woher auch immer. Das weiss jedermann und wissen vor allem die Frauen, die nicht von ungefähr häufiger praktischer denken und sich die Not eines Wassermangels besser vorstellen können, nicht nur deren Auswirkungen in der Zeitung lesen und dann achtlos zur Tagesordnung übergehen, beispielsweise zum Nachtessen ohne Gebet vorher oder nachher.
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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