Ohne Erlebnis kein
einigermassen zuverlässiges Verständnis
Wenn sie wollen und dazu fähig sind, können nur die Zeitgenossen ihre Zeit
richtig begreifen, würdigen und kritisieren
Nach Veröffentlichung des sogenannten Bergier-Berichtes über die Schweiz während
des Zweiten Weltkrieges fegte vor Jahren ein Sturm der Entrüstung durch das
Land. Ehemalige Aktivdienstsoldaten und –Offiziere fühlten sich beleidigt, ja
betrogen um fünf Jahre, da sie als Wehrmänner “tapfer und treu“ an der Grenze
gestanden haben oder bald einmal im Alpen-Reduit eine gute Chance witterten,
sich gegen die allfällig im Blitzkrieg vorrückende deutsche Wehrmacht
erfolgreich zu verteidigen. Nicht wenige träumten, durch Überfälle aus dem
Hinterhalt dem Erzfeind als Partisanen das grosse Fürchten beizubringen. Wie es
im Tito-Jugoslawien von 1940–45 sehr erfolgreich geschehen ist.
Unter diesen Voraussetzungen hatten von den besten Historikern des Landes
leichtes Spiel, durch das genaue Quellenstudium die zum Teil nicht so
heldenhaften Machenschaften gewisser Wirtschaftsführer, Zeitungsmacher, ja sogar
Regierungsvertreter auf Bundes- und kantonaler Ebene, ja sogar des gefährlichen
Verhaltens von General Henri Guisans hinter dem Rücken des Bundesrates
schonungslos an den Pranger zu stellen.
Der zwangsläufig von den 68ern übersehene Zeitgeist
Im Blick auf das sehr umfangreiche Werk der Historiker begnügten sich die
meisten Landsleute mit den Zusammenfassungen, deren Redaktoren ihrerseits kaum
die Zeit fanden, die Überfülle an Beweismaterial auch nur einigermassen
vollständig und unparteiisch zu bewältigen. Was häufig übersehen wurde:
Wichtiger wäre es gewesen, dem Missverständnis zwischen jenen, die vor und den
andern, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren sind, auf die Spur zu
kommen. Während die ersten über eigene Eindrücke und Erlebnisse verfügten,
lernten die späteren Generationen die Zustände lediglich vom Hörensagen ihrer
Grosseltern, Väter und Mütter, nicht hingegen aus eigener Erfahrung kennen.
Derart waren die Ermittlungen der nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen
zwangsläufig einseitig und unvollständig, mehr von ihrem eigenen als dem früher
vorherrschenden Zeitgeist geprägt. Was man nicht selbst erlebt hat, lässt sich
nachträglich beim besten Willen nicht zuverlässig erschliessen. So kam es vor,
dass die – wie ich – in der Zwischenkriegszeit Geborenen im Verhalten der nach
dem Krieg Geborenen sogenannten 68ern geradezu einen “Vatermord“ sehen. Mit dem
Schlachtruf “Traut keinem über 30“ fanden die Jüngeren im dubiosen, jedenfalls
nicht heldenhaften Verhalten der eigenen Eltern, überhaupt der Älteren einen
formidablen Grund, aus Protest zu den früher geltenden Sitten und Gebräuchen
sich der freien Liebe und der Absage jeglicher Kontrolle und Autorität zu
verschreiben. Die Frage, wie sie sich selbst in der Lage der Vorfahren verhalten
hätten, wurde gar nicht erst gestellt und einfach angenommen, man hätte an ihrer
Stelle nicht deren Fehler begangen.
Leichte Einsicht durch eigene Erfahrungen
Jeder erwachsene Mensch hat heute die Gelegenheit, sich in das Empfinden der
Vorkriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration zu versetzen. Es genügt, einen
Menschen endgültig verloren zu haben, um vollends begreifen zu können, dass ohne
eigenes Erlebnis kein richtiges zuverlässiges Verständnis mehr zustande kommen
kann. Solange sie oder er lebt, lässt sich noch alles abklären, hinterfragen und
erklären. Da steht der Überlebende nicht vor dem grauenhaften Nichts des nicht
mehr Erfahrbaren, nicht mehr gemeinsam “etwas Erleben-Könnens“. Darum mögen
Beileidskundgebungen gut gemeint sein, stehen aber gleichsam auf völlig
verlorenem Posten.
Die besten Historiker früherer Epochen sind untereinander zwangsläufig
zerstritten
Leopold von Rankes Forderung an die Berufskollegen, herauszufinden, wie es
einmal war, ist goldrichtig für alle Zeitgenossen, doch grundfalsch für die
später Geborenen. Der Beweis dafür: Die sogenannte “Belle époque“ 1871–1914
erfährt durch die allerbesten heutigen Historiker eine verschiedenartige
Deutung. Sie haben sie nicht selbst erlebt und können keinen Zeitgenossen mehr
befragen und deren Aussagen nicht mehr gegenseitig abwägen, müssen sie
zwangsläufig gegeneinander ausspielen, ohne Möglichkeit einer absolut richtigen
Beurteilung. Es sind kleine Mosaiksteine eines grossen Mosaiks, das nie
vollendet werden kann. Wer diese sogenannte schöne Epoche – schön für die
Oberschichten, doch grausam hart für die meisten Unterschichten – mit wachem
Sinn und besten Vorsätzen selbst erlebt hatte, ist längst tot und kann lediglich
ein Zeugnis für sich selber abgeben. Dieses mochte übereinstimmen mit andern
Gleichgesinnten, konnte aber anderen Aussagen und Empfindungen völlig
widersprechen. Wohl am besten mögen die Romanschriftsteller à la Tolstoi und
Tschechow den in Russland vorherrschenden Zeitgeist vor dem 1. Weltkrieg erfasst
haben, allerdings nur so, wie sie es selbst erlebt haben. Doch jene, die ihnen
widersprechen könnten, vermochten vielleicht nicht einmal zu schreiben. Deshalb
gilt für alle Zeiten: Ohne eigene Erlebnisse, zu denen man stehen kann und die
freilich nur für die eigene Person Gültigkeit besitzen, gibt es kein allgemein
richtiges Verständnis einer Zeitepoche und eines Zeitgenossen.
Der erfolgreichste Krimi-Autor ist im Grunde 60 Jahre lang stehen geblieben
Wenn Herbert Reinecke mit dem Satz auf den Lippen gestorben ist: “Ich hatte seit
1945 kein Zuhause mehr gefunden“, so beweist der Schöpfer der berühmten
Derrick-Serie im Grunde nichts Anderes, als dass er vom Wert und Wandel späterer
Epochen nichts begriffen hat. Die Losung “Am deutschen Wesen soll die Welt
genesen“: Wenn alle Erdenbürger so pünktlich und zuverlässig, tapfer und treu
wie die Deutschen sind (es wenigstens glaubten und viele immer noch glauben),
dann ist das Himmelreich auf Erden errichtet, dann darf, ja soll man die
Menschheit vom Übel des Undeutschen erlösen, hat im Zweiten Weltkrieg Millionen
Menschen das Leben gekostet. Ohne eigenes Erleben gibt es bestenfalls das gute
Gedächtnis der Quellensammler, nicht hingegen das richtige zuverlässige
Verständnis des Vor-Gefallenen. Aus diesem Grunde zeitigte der Bergier-Bericht
mehr Missverständnisse als das erwünschte vertiefte Verständnis einer früheren
Epoche.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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