„Ohne Liebe bin ich nichts“
– wirklich oder grundfalsch?
Warum das Christentum von der Religion der Nächstenliebe sich zur Religion der
vorgängigen Bescheidenheit entwickeln müsste
Alles auf dieser krummen Erde kann grundfalsch oder aber richtig verstanden
werden. Das ist zugleich unser Pech und unsere grosse Chance. Pech ist es, weil
das grundfalsche Verständnis untereinander die Menschen entzweit bis hin zu
Nuklearwaffen im Besitz von acht souveränen Staaten mit der Gefahr der
Totalvernichtung aller Erdenbürger.
Eine grosse Chance ist es, weil das richtige Verständnis uns zusammenschweisst
bis hin zur Möglichkeit einer wirklichen Friedensordnung, des „Dein Reich
komme!“, die Erfüllung des uralten Gebetes, das bereits vom Anfang im einen oder
andern Sinn – Unser Vater… oder Vaterunser… - die Konfessionen zu entzweien oder
aber durch das Unservaterunser zusammenzuschweissen vermag.
Das Christentum gilt als Religion der Liebe, genauer der Nächstenliebe, und bei
jeder Glückskette für die Opfer einer kriegerischen Auseinandersetzung oder
Naturkatastrophe zeigt sich die Güte des Schweizer Volkes in besonderem Masse.
Mehr als uns die Nachbarn zugutehalten, wenn die Eidgenossenschaft weltweit mehr
als Leidgenossenschaft und Hüterin durch dick und dünn des Bankgeheimnisses
bekannt ist. Der böse Satz „Die Schweizer sind ein Volk, das klagt, ohne zu
leiden“ wird immer wieder und immer weiter nicht nur von Ausländern, sondern
auch den (meisten?) Schweizern zitiert. Keiner kann bestreiten, dass diese
Behauptung „etwas für sich hat“. Genau gleich wie der Versuch, das
Bankengeheimnis im Grundgesetz der seit 1848 und 1874 kaum veränderten
Bundesverfassung zu verankern, dem Grundbedürfnis vieler Landsleute entspricht.
Die Nächstenliebe ist höchst gefährlich und sogar verhängnisvoll, wenn sie nur
dem Lob der Mitmenschen und dem Eigenlob dient, oder gar der Vorstellung mit
guten Werken den Himmel nach dem Tod auf Erden zu verdienen, entspringt.
Zweifellos hat der heilige Paulus im 1. Brief an die Korinther 13,1 den Satz
„Ohne Liebe bin ich nichts“ richtig verstanden und richtig verstanden wissen
wollen.
Um buchstäblich verheerenden Missverständnissen zuvorzukommen, scheint mir die
Präzisierung „Ohne von der Bescheidenheit getragene Liebe bin ich nichts“
wichtig. Ohne Preis für das Gutsein mag es für uns gewöhnlich Sterbliche
äusserst schwierig, fast unmöglich sein, uns mit der Freude für das Gutverhalten
zu begnügen. Jedenfalls ist es ein Ideal, um das wir uns stets bemühen sollten
bei voller Erkenntnis, dass wir gerade beim Wohlverhalten nur allzu leicht vom
Teufel versucht werden, uns gut vorzukommen, wo wir gerade durch diesen Hoch-Mut
uns selbst den Preis holen, den wir erst noch verdienen müssten.
Wie viel mehr als das Geleistete hätten wir tun können, tun müssen!
„Fa del bene e scordati“ Mach etwas Gutes und vergiss es sogleich! Lautet ein
sizilianisches Sprichwort.
In der heutigen Welt voller Überheblichkeit wegen der technischen Entwicklung
von immer besseren Computern, Handys, usw. bis hin zur scheinbar ungefährlichen
und notwenigen Atombombe zur Vernichtung des Terrorismus von G.W. Bushs Gnaden
scheint mir fast 2000 Jahre nach dem Tod des Hl. Paulus sein erster Brief an die
Korinther mit den Worten „Ohne von der Bescheidenheit getragenen Liebe bin ich
nichts“ lauten zu müssen.
Mit dieser Klarstellung befinde ich mich – Gott Lob – in guter Gesellschaft mit
Albino Luciani, dem ersten Johannes Paulus-Papst, der diesen Gedanken in seiner
Art spassig, nicht moralistisch in die Worte verpackte: „Ich habe einmal die
Tugenden des Heiligen Thomas genau nachgezählt. 134 Tugenden empfiehlt der
Kirchenvater… Wenn wir sie alle gleichzeitig ausüben wollten, kämen wir in ein
höllisches Durcheinander. Also konzentrieren wir uns auf Bescheidenheit und
Liebe und verrichten sie in gelassener Heiterkeit.“
Ich frage mich: Wäre es nach dem verheerenden Zweiten Jahrtausend nach Christus
mit seiner verheerenden Konzentration auf die häufig falsch verstandene Liebe,
überhaupt das Gutsein nicht die Aufgabe des Dritten Jahrtausends, sich zur
Liebe, überhaupt dem Gutsein ohne Stolz und ohne Preis durchzuringen –
wenigstens unserer Erkenntnis und unserem Bemühen nach? Beim vollen Bewusstsein
der zugleich bedrückenden und erhebenden Schwierigkeit? Bedrückend wegen unserer
eigenen Grenzen, den in uns allen wirkenden bösen Adam, erhebend aber auch im
Blick auf den Erlöser, der alles getan hat, was er tun konnte und im Auftrag
Gottvaters tun sollte?
Wenn der Hochmut das Laster der Laster ist, wie uns der Anfang der Bibel durch
das Verständnis des Teufels lehrt, dann müsste doch logischerweise – wie
Johannes Paul I. schrieb, der nicht die Zeit hatte, es vorzuschreiben, es jedoch
als Priester, Bischof, Patriarch und Papst zeigte und lebte – die
Bescheidenheit, nicht die Nächstenliebe die Tugend der Tugenden sein… Oder
nicht?
Warum ist es im zweiten Jahrtausend nach Christus kaum geschehen?
Warum wurde die Bescheidenheit als Tugend der Tugenden im Dritten Jahrtausend
noch nicht allgemein erkannt und anerkannt?
Wie Vieles müsste besser werden, wenn es geschehen könnte, weniger als heute die
Menschen bei guten Werken, sich im teuflischen Glanz zu sonnen vermöchten? Sind
wir nach wie vor nur oder hauptsächlich fähig, gut zu sein durch Eigennutz?
Victor Willi in der Kirche Sins
Am 18. Dezember 2003, sieben Tage vor Weihnachten
Auf Besuch bei meinem Freund Pfarrer Lucas Amryn
Vor dem Vortrag über „Weihnachtliches aus Italien, Episoden aus Rom, Neapel,
Catania…
und wie zwei Engel mir vom Himmel fielen.“
Victor J. Willi, Rom Disentis
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