Schöne erlebte Geschichten aus fünf Kontinenten

15 – 6 + 2 = 11 : Peters Rettung war Australien

Es geschah vor 55 Jahren. Im Schulhaus von Erlenbach, gut zürcherisch Erlibach. Die Primarschule lud die Eltern zu den einmal im Jahr stattfindenden Besuchstagen ein. Als blosser Onkel von Peter Matthaei hatte ich, streng genommen, keinen Zutritt zu dieser “Richtstätte“ mehr für die Lehrer- als die Schülerschaft. Doch Peters “Abschneiden“ bei diesem Anlass interessierte mich sehr. Er war das dritte Kind der 8-köpfigen Familie meiner ältesten Schwester Rosmarie, der einzige, den ich als Willi empfand und dessen Originalität und Aussenseitertum mir zu denken gaben. Ich wusste, dass er kein besonders guter Schüler war. Umso mehr war ich auf sein Verhalten bei diesem besonderen Anlass gespannt. Ich sollte auf die Rechnung kommen.

Das Fach Rechnen war an der Reihe. Kaum stellte die Lehrerin eine bestimmte Aufgabe, so streckten die guten Schüler der zweiten Klasse die Hände in die Höhe. Alles verlief nach Wunsch der Lehrerin und zum Wohlgefallen der versammelten Eltern. Die Antworten waren stets korrekt: 20 + 5 ergeben 25, 28 : 4 = 7. Der Klassenbeste wusste, wovon er sprach, und alle Besucher nickten zur Zufriedenheit nicht nur im Blick auf den Primus. Offensichtlich war auch die Lehrerin von bester Qualität.

Dieser Schüler konnte nicht ewig übergangen werden

Mehrmals hatte Peter die Hände in die Höhe gestreckt. Nach jeder gestellten Frage tat er es schneller, geradezu aufdringlich. Der Lehrerin blieb nichts anderes übrig, als einmal auch ihm die Gelegenheit zum Brillieren zu geben. Allerdings kannte sie seine Grenzen und hatte Angst, dass bei ihm, zum ersten Mal etwas schief gehen, die Flut der richtigen Antworten einen jähen Unterbruch erfahren konnte.
Sie täuschte sich nicht: Die Antwort auf eine besonders leichte Frage lautete 15 weniger 6. Mit erhobener Stimme erklärte Peter im Brustton der Überzeugung „15 weniger 6 sind 11.“

Betretenes Schweigen im Saal. Endlich tanzte einer mit einer falschen Antwort aus der Reihe. Die Lehrerin suchte nach einer Ehrenrettung für sich und den nicht mustergültigen Schüler: „Sag uns Peter, wie viel ist 15 weniger 1? Peter antwortete noch lauter als zuvor. „15 weniger 1 beträgt 14“. „Gut so“, erwiderte die Lehrerin und wollte nun von Peter wissen, wie viel denn 15 weniger 2 ausmache. Die korrekte Antwort „13“ folgte auf den Fersen. Auch bei der richtigen Antwort 12, 11 und 10 verfehlte er nicht das Ziel. Als Peter endlich die richtige Antwort auf 15 weniger 6 hätte geben müssen, erklärte er triumphierend: „15 weniger 6 sind 9 und 2 sind 11.“ Zwei Erwachsene im Saal mussten schallend lachen. Der andere befand sich auf der rechten Seite des Schulzimmers und nickte mir zu. Ich nickte zurück. Unter all den Eltern – stramme Zürcherinnen und Zürcher – herrschte lediglich betretenes Schweigen.

Die verpasste Freundschaft

Dass ich am Ende der Stunde meinen Gesinnungsgenossen kennen lernen wollte, versteht sich von selbst. Es entsprach auch seinem Bedürfnis. Wir begrüssten uns herzlich. Leider haben wir nur einige Worte gewechselt, nicht die Visitenkarte ausgetauscht. Als blosser Habilitand in spe verfügte ich über kein solches Selbstportrait. Schade. Menschen, die in derart kritischen Situationen gegen die grosse Mehrheit ein Herz und eine Seele sind, können gute Freunde werden. Daran dachte ich nicht. Noch nicht. So jung an Jahren und lediglich auf Besuch in Erlenbach und Zollikon verpasste ich eine gute Gelegenheit.

Späte Genugtuung

Viele Jahre später habe ich die Episode im Familien- und Freundeskreis zum Besten gegeben. Peter kam in Zürich auf keinen grünen Zweig, musste nach Australien, die wirklich Neue Welt, auswandern, um nicht nur Anerkennung zu finden, sondern auch ordentlich Geld zu verdienen. Endlich konnte sich sein künstlerisches Empfinden Geltung verschaffen. Er kaufte Häuser, stattete sie aus, machte sie zu Juwelen des künstlerischen Viertels von Sydney. Mit seinem Freund – einem Koreaner – bewohnte er selbst eine Villa, deren Ausstattung zum Schönsten gehört, was ich auf meinen Reisen rund um die Welt gesehen hatte.
Bei einem Besuch standen mir die Tränen nahe. Was sah ich: das uralte Bett meiner Mutter, das zu ihrer Aussteuer für die Ehe mit meinem Vater 70 Jahre zuvor gehörte. Ein Prunkstück der Belle Epoque aus dem sogenannten Kamelhof in St. Gallen, dessen Fassade noch heute unter Denkmalschutz steht.

Peter hing sehr an ihr und erklärte einmal, lieber hätte er Molla – dies der Kosename der Grossmutter – als Rosmarie zur Mutter gehabt. Diese Geschichte ist besonders ergreifend, weil Peter – wie man in Zürich sagte – “vom andern Ufer“ war, sonst nur Männer liebte, doch vielleicht keinen Gleichgeschlechtlichen so innig wie die alte Frau, die ihn ins Herz schloss, so wie er war, nicht wie er nach der Vorstellung der allermeisten Gleichgeschalteten hätte sein sollen.

Victor J. Willi, Rom Disentis

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