Zyklus: Schöne Geschichten aus fünf Kontinenten

Das Sie als Zeichen des beid- und gegenseitigen Respekts
26 Jahre lang auf Sie, mit den andern Nachbarn auf Du – warum?

Unsere Nachbarin in südlicher Richtung, also ein paar Schritte weiter vom Nordpol entfernt, war eine Deutsche aus dem Rheinland, genau aus Baden-Baden. Ursprünglich in der deutschen Botschaft in Rom tätig, lernte sie den schönsten Carabiniere von ganz Italien (ihre Definition) kennen, verliebte sich knallfall in ihn und er offensichtlich auch in sie. Fragen kann ich ihn nicht mehr, denn der mittlerweile zum Professor für Statistik an der katholischen Luis-Universität avancierte Claudio ist vor mehr als zehn Jahren, noch nicht einmal 60-jährig, gestorben.

Damals kam der Computer auf. Er benützte ihn Tag und halbe Nächte lang, auch während der Ferien. 1990 war er ein Pionier dieses modernen Wunderdings wenigstens in Rom und fand kaum noch Zeit für irgendetwas anderes. Er gehörte zu den ersten Opfern der Computerbesessenheit. Seither gibt es viele seiner Art – gut ein Zehntel der Menschheit – schwört auf all das, was der Computer kann, wovon nicht einmal Jules Verne träumen konnte.

Meine Frau benützte die Gelegenheit, um mit Hildegard zu sprechen; denn das Deutsch der Deutschen war sehr viel besser als das ihrige und sozusagen aller Eidgenossen, es sei denn ein Schauspieler wie Bruno Ganz, der sogar den Hitler mit leicht österreichischem Akzent auch in dieser Hinsicht nicht nur im Äusserlichen nachzuahmen verstand. Selbst wenn sie Professoren und Industriekapitäne sind, reden die Schweizer zuhause wie ihnen der Schnabel gewachsen ist auf schwizertütsch und benutzen das Hochdeutsch lediglich zum Schreiben. Dass unter diesen Voraussetzungen kaum ein Schweizer gutes Deutsch spricht, auch wenn er vorzüglich deutsch schreibt, hat sich längst wenigstens in Deutschland herumgesprochen.

Professor Vital Schwander, ausgezeichneter Strafrechtler mit einem eigenen Kommentar in seinem Fachgebiet erklärte uns in einer Vorlesung, „wenn einer einen andern erschiesst mit Betonung auf dem letzten „e“, da meinten alle Hörer, darunter Hermann Herder aus dem andern Freiburg, es sei ja gar nicht wahr, dass die Deutschen das Schwizertütsch nicht verstehen, im grossen ganzen könnten sie den Ausführungen von Professor Schwander folgen. Er gab sich alle Mühe, gutes Hochdeutsch zu sprechen. Was da aber aus seinem Munde kam, war das beste Hochdeutsch, das er sprechen konnte!

Freilich kann der eine und andere Schweizer es etwas besser, gibt sich nicht gleich auf der Stelle als Schweizer, gar Zürcher, Basler, Berner oder Bündner zu erkennen. Im letzten Fall gefällt das sogar dem einen und andern deutschen Touristen. Es kann der Hauptgrund sein, warum Bundesrepublikaner Arosa oder Davos gegenüber Grindelwald oder sogar Zermatt den Vorzug geben. Vor Jahren sagte mit ein Deutscher, alle andern Schweizer Dialekte seien Halskrankheiten. Auch wir heruntergekommenen Schweizer bewundern die Bündner wegen ihrer wunderbaren Mundart mit den vielen a, Erbstück der sich seit tausend Jahren mehr und mehr zurückziehenden Rätoromanen. Da kann es vorkommen, dass besonders eine Bündnerin in Zürich, Bern oder sogar in Basel von den Einheimischen gebeten wird, einfach drauflos zu reden – es töne ja wie allerbeste klassische oder romantische Musik. „Lesen Sie, wenn’s nicht anders geht, die Namen aus dem Telefonbuch, es ist für uns Unterländer ein Hochgenuss, das Schwizertütsch einmal in dieser Fassung zu hören.“
Zurück zu meiner Frau und Hildegard. Die beiden Frauen sprachen immer per Sie miteinander. Ein Viertel Jahrhundert lang, bis zum Tod meiner wirklich besseren Hälfte. Die italienischen Nachbarn konnten dies nicht begreifen. Sie schalten sehr schnell vom “Lei“ zum “tu“ – kein Wunder, sind doch die Stiefellandbewohner in solchen Sachen die meist amerikanisierten Europäer. 1500 Jahre lang unter fremden Herren passten sie sich seit dem Untergang des Imperium romanum den Ausländern an und rächten sich nach dem Leitspruch
„Ihr seid reicher, doch wir sind schlauer“.

Die Italiener baten um eine Erklärung des für sie merkwürdigen Verhaltens der beiden deutschsprachigen Frauen in ihrer Mitte. Sie erklärten, es bestehe zwischen ihnen das LEI di RISPETTO, das Sie aus Hochachtung. Wären die beiden nicht zufälligerweise Nachbarinnen geworden, hätten sie sich kaum je gut verstanden, wären überhaupt nicht zu sich so häufig sehenden, gemeinsam die Zeit vertreibenden Freundinnen geworden. Doch nun war es einmal so, machten Sie das Beste aus der konkreten Situation der Nachbarschaft, doch sollte es stets auf Distanz, dem beid- und gegenseitigen Respekt geschehen. Unter diesen Voraussetzungen ertrugen sie sich mehr als sie sich wirklich verstanden fühlten. Beidseitig und gegenseitig die wirklich beste Lösung für eine derart latent gespannte Beziehung.
Was die Engländer und Amerikaner und Australier und vielleicht bald im Schlepptau des fortschreitenden Amerikanismus mit dem einzigen YOU ausser für den himmlischen Vater nicht alles an differenziertem feinfühligem Umgang miteinander verpassen!
Nach dem Tod meiner Frau hielt ich mich an die stillschweigende Vereinbarung der Nachbarin und Cécile. Jetzt ist Hildegard zu ihrer Tochter nach Civitavecchia gezogen. Ich war bei ihr eingeladen und fragte sie: „Vermissen Sie Riano, wo Sie –
wie ich mittlerweile sogar 35 Jahre lang gelebt haben, nicht wenigstens ein bisschen?“ Kurz und bündig antwortete die Deutsche: „Überhaupt nicht. Mit der einzigen wirklichen Freundin – Myriam – treffe ich mich gelegentlich“. Wie um zu sagen: „Die andern Rianesi können mir alle schnuppe sein.“

Bei einer solchen Gelegenheit entdecke ich meine rätoromanisch-bündnerische Herkunft. Ich lebe in Riano länger als irgendwo auf dieser Erde, habe dort viele Freunde von Verkäufern über Mechaniker bis „hinauf“ zu ehemaligen Direktoren der RAI (Radiotelevisione italiana) und andern hier wohnenden Berufskollegen. Alle Male, wenn ich nach einem langen Winter mit vorzüglicher Heizung im Disentiserhof an Riano und die Rianesi denke, freue ich mich auf das baldige Wiedersehen und spüre ihre Freude über den Benvenuto, den gegenseitigen herzlichen Wilkkommengruss. Ich möchte während des Sommers in keinem andern Dorf Italiens oder der Schweiz wohnen. Doch wenn es auch in Latien ungemütlich kalt und feucht wird, sehne ich mich nach meiner Heimat der Geburt und Kindheit, freilich nicht nur wegen des herrlichen Schnees in Disentis, wo ich – so alt ich bin – immer noch bei schönem Wetter die Pisten unsicher mache.

Heimweg nach zwei Seiten
Um es auf einen Nenner zu bringen: allemal im Mai oder Juni freue ich mich auf Riano nördlich von Rom, schon 25 Kilometer näher zur Schweiz. Wenn der Frühling schon etwas fortgeschritten ist, treibt es mich nach dem Süden. Im Oktober beginne ich, von der Schweiz und den Schweizer Freunden zu träumen. Ob dies ein persönliches Merkmal ist oder auf der wenigstens zur Hälfte rätoromanischen Herkunft beruht, kann ich nur spüren ohne es zu wissen. Zweifellos haben die Romondsch bereits eine halbwegs italienische Mentalität. Das könnte ich mit vielen Beispielen belegen. Trotz meiner andern Hälfte gehöre ich sehr viel mehr zu ihnen, als dass ich mich nach Zollikon bei Zürich, wo ich geboren und aufgewachen bin oder gar nach St. Gallen, Geburtsort meiner Mutter, sehne. Und wenn schon mehr nach Fribourg-Freiburg als nach der Zwinglistadt, denn in unserem Freiburg habe ich studiert mit den schönsten Erinnerungen meines Lebens. Vielleicht auch ein bisschen oder sehr viel wegen der römisch-katholishen Prägung – nicht in der Diaspora, sondern als das ganze Leben bestimmende Grundstimmung.

Victor J. Willi, Rom Disentis

Hier geht es zum:
Inhaltsverzeichnis
aller verfügbaren
Beiträge