„Sorry, ich habe keine Zeit“
(1996)
Überbeschäftigte Schweizer im Blick auf das mögliche Fernziel der
Welt-Eidgenossenschaft
Gedankenaustausch mit einem Bundesrat
„Es gibt heute – 1996 – nur zwei Arten von erwachsenen Schweizerinnen und
Schweizern – erstens die Arbeitslosen und zweitens jene, die derart beschäftigt
sind, dass sie keine Zeit haben, die wirklich wichtigen Fragen zu beantworten.“
Diese Kennzeichnung der Eidgenossen von heute ist – freilich – einseitig,
übertrieben und missverständlich. Zwischen Schaffhausen und Chiasso, Genf und
Rorschach sind die Arbeitslosen – im internationalen Vergleich – immer noch
spärlich, und die Überbeschäftigten nehmen sich – vielleicht – mehr Zeit zur
Beantwortung der grossen Fragen der Gegenwart als die workolics der andern
Länder. Vielleicht.
Doch welches sind denn die grossen Fragen der Gegenwart?
Ob wir Schweizer uns in der EU einnisten können, sollen, werden? Oder aber wir
besser fahren, uns draussen zu halten, um drinnen alles nach eigenem Gutdünken
entscheiden zu können oder aber nach dem bösen Wort des Corriere della Sera –
angeblich das Motto der Banquiers an der Bahnhofstrasse „peggio va il mondo
meglio per noi“ vom Unglück der andern und dem Versagen der Europäischen Union
profitieren zu können?
Oder gibt es eine noch wichtigere Frage, beispielsweise jene, nach der
Eidgenossenschaft Europa, die Adolf Muschg im interessanten Schlussreferat zur
Publikation der Akademischen Kommission der Universität Bern „Schweizer Eigenart
– eigenartige Schweiz“ (Paul Haupt Verlag Bern 1996) aufgeworfen hat. Oder: Wird
sich Europa direkt oder nur unter Druck der sich zusammenschliessenden Amerikas
und – andererseits – Südostasiens vereinigen? Sollten wir nicht zuletzt als
Schweizer von unserer Geschichte und dem Werdegang unserer Bundesverfassung her
alles für die Verwirklichung eines nicht nur europäischen, sondern
übergeordneten globalen Bundesstaates, einer eigentlichen Weltkonföderation mit
Sanktionsgewalt tun? Damit man die globalen ökologischen, ökonomischen und
Sicherheitsprobleme wirklich in den Griff bekommt, die einzelnen Staaten sich
nicht mehr nonchalant beispielsweise über die in den Weltkonferenzen von Rio und
Berlin zur Verhütung des Oekokollapses gefassten Beschlüsse hinwegsetzen können?
Einer der von Amtes wegen überbeschäftigtsten Schweizer – ein Bundesrat – hat
sich die Zeit genommen, auf Anfrage auch zu diesen Fragen Stellung zu beziehen.
Unter der Überschrift Der Weltbundesstaat kommt erst zustande, wenn er nötig
wird schreibt er:
„Einheit bedeutet nur Stärke, wenn sie auf freiwilliger Basis zustande kommt.
Unsere Geschichte ist vom Willen zur Freiheit und Unabhängigkeit geprägt. Die
Gegensätze im Innern waren oft unüberbrückbar. Kam die Not von aussen, stand man
trotzdem zusammen. Das ist die grosse Leistung unserer Vorfahren. Ob sie im
Weltrahmen wiederholt werden kann oder soll, muss dahin gestellt bleiben.
Die Welt wird ohne Zweifel weiter zusammenwachsen. Sie wird aber nur in dem
Masse zusammenwachsen, wie die globalen und grenzüberschreitenden Bedrohungen
zunehmen. Erst wenn die gemeinsame Not grösser ist als die Vorteile der
nationalen Unabhängigkeit, erst wenn Frieden als Überlebensstrategie
erfolgversprechender als Krieg erscheint, wird es zur Delegation von
Souveränitätsrechten kommen.
Der Weltbundesstaat kann nicht als Utopie erzwungen werden. Er muss allmählich
wachsen. Das braucht seine Zeit. Anstelle von Visionen muss der ruhigen Kraft
der Geschichte vertraut werden.“
Seit der Erfindung der Atombombe ist der Weltbundesstaat nötig geworden…
In meiner Antwort auf den Brief des betreffenden Bundesrates hielt ich fest:
„Meines Erachtens ist er bereits seit der Erfindung der Atombombe nötig
geworden; denn damit wurde das Potential zur Weltzerstörung geschaffen, und wäre
er bereits 1945 entstanden, hätte dem Oekokollaps und der Verelendung der
Dritten Welt mit dessen Sanktionsgewalt besser entgegengewirkt werden können.
Ein langsames Zusammenwachsen des Weltbundesstaates auf freiwilliger Basis wäre
wünschenswert, und zu Beginn unseres Jahrhunderts haben sich Ansätze in dieser
Richtung geboten. Seither ist m.E. die Bedrohung durch einen Weltkrieg, das
heisst das Auswachsen regionaler Krisenherde zu einer globalen kriegerischen
Auseinandersetzung derart akut geworden, dass bereits seit Jahrzehnten die
gemeinsame Not grösser ist als die Vorteile der nationalen Unabhängigkeit und
der Frieden als Überlebensstrategie jetzt schon erfolgsversprechender als der
Krieg erscheint.
Was Sie, sehr verehrter Herr Bundesrat für die Zukunft ansetzen, ist für mich
bereits in der Vergangenheit erfüllt, weshalb ich mir nicht nur im Sinn von
Adolf Muschg die Eidgenossenschaft Europa, sondern auch die
Welt-Eidgenossenschat wünsche, ihre Verwirklichung schon jetzt als
Grundvoraussetzung für das Überleben der Menschheit erachte.
Meines Erachtens hat die Menschheit 1991 nach dem Golfkrieg die erste grosse
Chance zur Bildung eines Weltbundesstaaates verpasst, wäre unter einem starken
amerikanischen Präsidenten bereits von 51/2 Jahren das möglich geworden, was
jetzt wiederum als blosse Vision und Utopie erscheint, so dass weiterhin der
Weltfrieden ungesichert bleibt, nur Waffenstillstände wie jetzt in Bosnien
geschlossen werden können und wir nach dem Ausscheiden Jelzins und der möglichen
Errichtung einer Mililtärdiktatur in Russland im besten Fall auf die Stufe der
Verhütung des Weltkrieges durch das Gleichgewicht des Schreckens zurückfallen.
Unter solchem Vorzeichen muss ich es sehr bedauern, dass – wie mir Direktor
David Streiff vom Bundesamt für Kulturfragen mitteilte – der Weltbundesstatt
bzw. die Welt-Eidgenossenschaft für die EXPO 2001 kein Thema abgibt. Wenn schon
Visionen zur Sprache kommen, hätte dieses Endziel der bundesstaatlichen
Entwicklung doch umso mehr behandelt werden sollen, als wir Schweizer von
unserer Geschichte her in dieser Richtung wirklich einen wichtigen Beitrag zur
Befriedung der Menschheit, der Unterbindung des Oekokollapses und der
Verelendung der dritten (und im Rückeffekt unserer eigenen ersten) Welt hätten
leisten können.“
Welt-Eidgenossenschaft mit – vielleicht – mehr Chancen als U.S.E.:
„Hoch lebe Amerika – nieder mit dem Amerikanismus!“
Steinig ist der Weg der Europäischen Union, und manches spricht dafür, dass die
USE (United States of Europe) lediglich auf Druck von aussen – der vereinigten
Amerikas einerseits und des Vereinigten Südostasiens/Australiens andererseit –
entstehen wird. Die meisten nach wie vor nur auf ihren Eigennutz bedachten
europäischen Staaten lassen sich kaum aus sich heraus zu einem bundesstaatlichen
Ganzen, der von A. Muschg vorgeschlagenen Eidgenossenschaft Europa,
zusammenfügen. Mit der um sich greifenden Erkenntnis, dass lediglich eine
globale Institution mit Sanktionsgewalt dem Oekokollaps, der Verelendung der
Dritten (und im Rückeffekt der Ersten) Welt und dem latent stets bedrohlichen
dritten Weltkrieg entgegenzuwirken vermag, lässt sich der Weltbundesstaat bzw.
die Welt-Eidgenossenschaft vielleicht eher als die USE nach Art der USA
verwirklichen. Sollte in Russland oder anderswo nicht abermals eine Supermacht
entstehen, die – wie die Sowjetunion zwischen 1945 und 1989 – einmal mehr die
Vormachtstellung der USA in Frage stellen wird, so könnte Washington mit einem
starken Präsidenten jene verbindlichen Akzente für die ganze Menschheit setzen,
wie es die Gründerväter unserer Bundesverfassung kurz vor 1848 selbst nach einem
Bürgerkrieg, ohne langes Federlesen, für die schweizerische Eidgenossenschaft
getan hatten.
In diesem Sinn wünsche ich mir gleichzeitig ein „Hoch lebe Amerika!“ und ein
„Nieder mit dem Amerikanismus!“ Soweit der American way of life mit der Illusion
der Glücksstillung durch unbeschränkte Bedürfnisstillung den vielleicht
verhängnisvollsten Aberglauben anstelle der von allen Weltreligionen mehr oder
minder unterstützten Glauben an die „Auch-Berechtigung-der-Verzichtsleistung“
als Gelegenheit zur
persönlichen und kollektiven Bewährung und inneren Reifung gesetzt und mit der
unbedachten Ausbeutung der (Natur-)Reserven und menschlichen Arbeitskraft sowie
dem verheerenden Güterverschleiss weltweit die Gleichschaltung und Verflachung
der Mentalitäten auf Kosten der kulturellen, institutionellen und individuellen
Vielfalt vorantreibt und die meisten Erfolgreichen zu Arbeitssklaven und
Freizeitgöttern degradiert und entnaturalisiert, kommt ihm keine allgemeine
Gültigkeit zu.
Dank seiner natürlichen und historisch gewachsenen Eigenart kann Europa – nicht
zuletzt auch das Schweizer Sein und Bewusstsein – mit einem „bis hierher und
nicht weiter“ die zur wirklichen geistigen und institutionellen Weltwerdung
notwendigen Akzente setzen. Dort, wo es ums Überleben der Menschheit geht (Oekologie,
Oekonomie, Sicherheit) müssen die nationalen Schranken überwunden werden und da,
wo es um die Qualität des Lebens geht (Kultur, Freiheit, Selbstbestimmung) muss
dem Prinzip der Vielfalt zum Durchbruch verholfen werden.
• Der Weltbundesstaat kann sich nach dem Muster zusammenfügen, das unsere
Gründerväter 1848 geleitet hat. Und er kann die Vielfalt so garantieren, wie es
die Schweiz tut.
• Obwohl wir Schweizer von Natur aus nicht grossen Visionen anhängen: Hier
hätten wir eine, die wir mit Berufung auf unsere Wurzeln 1998 und 2001 in die
Welt hinaustragen könnten.“
In diesen zwei Belangen hat der betreffende Bundesrat auf exemplarische Weise
meine auf neun Seiten entwickelten Gedanken über „Kult der Vielfalt und
Vereinheitlichungs-Kult“ zusammengefasst und über seine Stellungnahme zum
Weltbundesstaat hinaus festgehalten:
1. Lob der Auslandschweiz
Die Auslandschweiz liegt mir sehr am Herzen. Ich bin der festen Überzeugung,
dass von den Auslandschweizern bedeutende Impulse für die zukünftige Gestaltung
unseres Landes ausgehen werden und müssen. Nur sie können ermessen, welchem
Wandel oder Nicht-Wandel die Zurückgebliebenen unterworden sind. Die grossen
Veränderungen werden dem, der dauernd in der Heimat lebt, weniger oder erst mit
Verspätung bewusst. Die Auslandschweizer sind ein grosses Potential für unser
Land. Wir müssen es besser erschliessen.
2. Die Schweiz: Seit 150 Jahren modern
Ich bin überzeugt, dass nicht nur wir von den andern, sondern die andern auch
von uns lernen können. Die direkte Demokratie ist eine moderne Staatsform. Sie
ist ein Erfolgsfaktor. Sie hat Zukunft. Die Achtung der Minderheiten, die
kulturelle Vielfalt, der föderale Staatsaufbau sind Erfolgsfaktoren. Sie haben
Zukunft. Auch ausserhalb unseres Landes.
Was wir aber nicht vergessen dürfen: Die Schweiz ist ein kleines Land. Wir
stehen nicht im Zentrum. Es steht uns deshalb auch nicht zu, andere zu belehren.
Es muss darum gehen, unsere Hilfe und unsere Erfahrung diskret und in aller
Bescheidenheit einzubringen. Wir müssen im Stillen wirken und hoffen, dass
unsere Prinzipien, die dem Menschen gerecht werden, auch anderswo auf
fruchtbaren Boden fallen.
Was wir auch nicht vergessen dürfen: Unsere Vorfahren haben Jahrhunderte kämpfen
und sich in der Konfliktbewältigung üben müssen, bis sie den modernen
Bundesstaat ins Leben rufen konnten. Andere hatten nicht so viel Zeit. Andere
stehen erst am Beginn.
Es besteht auch kein Grund zur Selbstgefälligkeit: Zu Demokratie, Föderalismus,
Selbstbestimmung und kulturellen Vielfalt muss man Sorge tragen. Sie sind
leichter verspielt, als sie gewonnen werden. Sie fallen nicht in den Schoss. Sie
können nicht nur konsumiert, sie müssen auch immer wieder erarbeitet werden.
Unsere primäre Aufgabe ist deshalb eher darin zu sehen, uns selbst diese Werte
immer wieder in Erinnerung zu rufen, als sie nach aussen zu verkünden.
3. Unser Land hat Zukunft
Ich glaube an die Zukunft unseres Landes. Ich glaube an unsere Stärken. Ich
glaube an unsere Erneuerungskraft. Sie ist im Laufe der Geschichte immer wieder
zum Tragen gekommen. Wir haben aber ein Problem: Wir sind Weltmeister der
Selbstkritik. Wir sehen das Gute oft nur noch bei den andern. Und hören nicht
hin, wenn andere Gutes über uns reden. Unsere Vorzüge achten wir gering und wir
halten sie für entbehrenswert. Vielleicht werden wir bald mit Wehmut auf das
zurückschauen, was uns heute selbstverständlich scheint. Soweit darf es nicht
kommen! Wir müssen weniger klagen und mehr handeln. Wir müssen den Hang zum
Selbstmitleid überwinden. Wir müssen uns wieder auf unsere Stärken besinnen.“
(Brief des betreffenden Bundesrates an den Verfasser vom 24.9.1996)
Ein von unten und oben her im Gang sich befindlicher Entwicklungsprozess der
Weltgeschichte
Ohne ausreichenden Rückhalt von unten, der Mehrheit der Staatsbürger, pflegen
Institutionen in der Luft zu hängen. Da lauert stets die Gefahr des Leviathan,
des von Thomas Hobbes bereits 1651 beschworenen Schreckgespenstes der
Total-Entmündigung und Total-Unterjochung des Einzelnen und ganzer Völker.
Deshalb verdienen all jene Weltanschauungen, Weltreligionen und Weltbewegungen à
la Baha’i, die dem Oekokollaps, den Umweltschutz, die vermehrte soziale
Gerechtigkeit und den Weltfrieden auf eine möglichst nicht sektiererische,
selbstgerechte Art fördern und ein alle mit allen verbindendes Weltethos
anstreben, tatkräftige Unterstützung. Andererseits vermag das blosse Hoffen
Glauben, Beten nicht (mehr etwas zu bewirken, das zur Absicherung der
Sanktionsgewalt gegenüber den das Überleben aller gefährdenden Einzelner und
ganzer Staaten von oben her bedarf. Wie es im Laufe der Weltgeschichte innerhalb
der Staaten und gelegentlich ganzer Staatengemeinschaften gegenüber der Willkür
des Einzelnen geschehen ist, hat letztlich ein Weltbundesstaat die gegenwärtige
Machtordnung unter den Staaten durch eine Rechtsordnung, die diesen Namen
verdient, zu ersetzen und damit die praktisch vorhandene Weltanarchie zu
unterbinden, anstelle der bisherigen blossen Waffenstillstände einen wirklichen
haltbaren Frieden durchzusetzen.
Der Glaube an die Machbarkeit des Weltbundesstaates ist nur eine – allerdings
wichtige – Grundvoraussetzung seiner Verwirklichung. Noch Mitte der 80er Jahre
des ausgehenden zweiten Jahrtausends nach Christus wurde der Zusammenbruch der
Sowjetunion weltweit als Utopie hingestellt. Nach dem Golfkrieg stand 1991 die
Schaffung einer wirklich Neuen Weltordnung mit Sanktionsgewalt in Reichweite, ja
Griffnähe. Eine welthistorische Gelegenheit wurde verpasst, doch zeigt die
Beilegung des Krieges in Bosnien, dass die USA auch ohne direkte ökonomische
Interessen in der Lage sind und durch die Sachzwänge gezwungen wurden, mit oder
ohne Unterstützung der Vereinten Nationen einen internationalen Krisenherd aus
der Welt zu schaffen. So wird die Vorstellung der Unumgänglichkeit einer
Weltordnung mit Sanktionsgewalt nicht nur durch blosses Hoffen, Glauben und
Beten, sondern durch reale Vorkommnisse und Gegebenheiten unterstützt.
Bei der vor Jahrtausenden begonnenen Befriedung erst in kleinen Stammesgebieten,
später in grösseren Räumen – Staaten und Weltreichen – scheint es sich um einen
Prozess zu handeln, der mit der Sicherung des Weltfriedens aus Angst vor dem
Weltuntergang vor dem Abschluss steht. Der Satz von Bertold Brecht „Wer nicht an
Utopien glaubt, ist kein Realist“ könnte sich nach der unerwartet schnellen
unblutigen Auflösung der Sowjetunion einmal mehr als richtig erweisen.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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