Menschheit im Krebsgang zur
Weltkonföderation?
Terroristen nicht entschuldigen, aber verstehen lernen
Madame de Staëls verhängnisvoller Irrtum: „tout comprendre c’est tout
pardonner“
– Die unumgängliche Anerkennung andersartiger Kulturen –
Ach, hätte G.W. Bush an der Harvard University doch nicht nur einen Managerkurs,
sondern auch eine kultursoziologische Vorlesung besucht!
Wer nach dem Attentat auf die beiden New Yorker Türme vom 11. September 2001
hervorgehoben oder auch nur berücksichtigt hatte, dass dieser grausame Terrorakt
nicht von ungefähr dem Sitz des Welthandelszentrum galt und diese internationale
Institution im grossen Ganzen lediglich nach den Spielregeln der Ersten Welt der
reichen Staaten mit einer Milliarde Bewohner funktioniert und entsprechend mehr
kosmetisch als effektiv viel Gutes für die Dritte Welt von vier Fünfteln der
Menschheit tut, der wurde entweder überhaupt nicht verstanden oder als ewig
gestriger, unbelehrbarer Marxist oder als Utopist verdächtigt. Das nicht
schlechteste und für manche beste Ergebnis des Untergangs der Sowjetunion ist
der Umstand, dass jemand, der die bestehende Welt (Un-)Ordnung für ungerecht
hält und durch eine gerechtere ersetzt sehen möchte, nicht mehr ohne weiteres
als Kommunist, oder auch „nur“ als Sozialist abgekanzelt werden kann. In den
Nutzniesser-Staaten Europas, Amerikas und Australiens riskiert er allerdings
nach wie vor im Ruf eines Phantasten zu stehen. Man profitiert von den Vorteilen
der 1. Welt und hält sie für unumgänglich, unerlässlich, wenn nicht sogar für
Gottbefohlen.
Der Weg zur Hölle ist nach wie vor mit guten Vorsätzen gepflastert
Verstehen heisst nicht im Sinn von Madame de Staël alles entschuldigen, sondern
sich in die Lage anderer, Andersdenkender und Andershandelnder zu versetzen und
zu versuchen, irgendetwas von ihrer Warte her zu betrachten. Soweit ich absehen
kann, hat nach den Attentaten auf eine Disco in Bali und neuerdings auf mehrere
Objekte in Casablanca kein einziger italienischer Kommentator in den Medien auf
die Tatsache hingewiesen, dass wir Angehörige der Industrienationen bei den
Ferien in den Drittweltländern uns wie im Schlaraffenland vorkommen müssen und
untereinander und vielleicht sogar vor den Einheimischen rühmen, die bereits
tiefen Preise in den Läden noch heruntergedrückt zu haben. Was uns fröhlich
stimmen mag, bedrückt die Benachteiligten und ist der beste Nährboden für die
Terroristen, sie gegen den Teil der Welt, wo angeblich auf ihre Kosten Milch und
Honig fliesst, aufzuwiegeln. Wer denkt schon daran, dass eine Teepflückerin
unweit von Jakarta für einen Tag harter Arbeit genau so viel verdient wie eine
Coca-Cola-Büchse in der Zimmerbar des dortigen Hilton-Hotels kostet?
Seit Jahrzehnten erlassen die Repräsentanten der Weltgipfel auch in Davos
erhabene Beschlüsse voller guter Absichten für die Entwicklung der armen Länder
und gegen die Notlage des Planeten. Es werden Daten in die Zukunft projiziert,
wenn endlich alles sehr viel besser sein werde, als es heute zum grossen
Bedauern der gut honorierten Kongressteilnehmer immer noch geschehen muss. Nicht
nur in Sachen Umweltschutz erweisen sich diese Vorhaben regelmässig als
illusorisch. Die Konferenzen von Rio, Kyoto und Kopenhagen lassen grüssen. Sie
markieren ein zehnjähriges Versagen und sind insoweit kontraproduktiv, als die
Teilnehmer und ihre fellow-travellers in den Medien der ersten Welt mit guten
Vorsätzen das schlechte Gewissen besänftigen. Ärger als die ungeheuren Kosten
solcher Zusammenkünfte ist der Aberglaube, ohne Weltinstanz mit
Sanktionsbefugnis könnte in ökologischen, ökonomischen und Sicherheitsbelangen
irgendetwas in die für alle Menschen richtige Richtung getrieben werden. Nicht
die UNO hat in Afghanistan, Irak, Bosnien, Somaliland und Timor versagt. Es
waren allemal die einzelnen souveränen Staaten, die den Vereinten Nationen nicht
die Macht verliehen haben, aus eigenen Kräften die Umwelt zu schützen, der
Verelendung der Dritten Welt entgegenzuwirken und eine wirkliche Friedensordnung
zu errichten. Jetzt müssen gegen 200 Staaten – seit einem Jahr auch die Schweiz
– zusehen, wie die USA wegen ihres früheren Präsidenten mit dem Krieg in Irak
und bei der Verwaltung der eroberten Gebiete die UNO einfach überspielen müssen
und jenen, die noch an die Mission der für dumm verkauften Weltorganisation
glauben, ihr nur noch die Rolle als verletztes Weltgewissen überlassen.
Warum sollten die Staaten nicht wie die Bürger aller Länder daran gehindert
werden, böse zu sein?
Die meisten Menschen sind so gut, wie sie daran gehindert werden, böse zu sein.
Darum brauchen wir Polizei und Justiz, Schulung und Bildung, was innerstaatlich
weltweit so gut wie unbestritten ist. Warum sollte nicht auch für die einzelnen
Staaten gelten: dass sie so gut sind, wie sie daran gehindert werden können,
böse zu sein? Ist der Sprung, der irgendwann in der Vorgeschichte – vermutlich
in der Steinzeit – den Menschen mit der Errichtung der Staatsordnung gelungen
ist, nicht längst fällig für das Verhältnis der Völker untereinander und müsste
er nicht – um nicht zum Weltleviathan zu verkommen – zu einer Weltkonföderation
führen?
Die wenigsten Menschen in der Dritten Welt wagen von einer Weltinstanz, die
imstande ist, das Überleben der Menschheit in ökologischen, ökonomischen und
Sicherheitsbelangen zu garantieren, so gut und schlecht wie es innerhalb der
einzelnen Staaten geschieht, auch nur zu träumen. Notgedrungen müssen sie aber
gegen die jetzige ungerechte Weltunordnung protestieren. Was Wunder, dass es
einige in der Form des grausamen unberechenbaren Terrorismus tun. Lassen sich
die satten Bürger der reichen Länder auf eine andere Art beeindrucken? Hängen
wir die Friedensfahnen aus den Fenstern aus einem andern Grunde als zur
Erhaltung des für uns guten und für die Benachteiligten der Dritten Welt
schlechten status quo der bestehenden Weltunordnung voller Missverständnisse und
Kriege?
Die für eine wirkliche Friedensordnung unumgängliche Weltkonföderation
Wann begreifen wir endlich, dass nicht nur innerstaatlich, sondern auch
zwischenstaatlich und überstaatlich die Gewalt nicht durch Gewalt beseitigt
werden kann, Terrorakte zwar keineswegs entschuldigt und geduldet werden können,
aber für eine wirkungsvolle Bekämpfung zunächst einmal verstanden werden müssen.
Nur auch mit dem Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten und
Unvollkommenheiten, keineswegs durch den Hochmut der eigenen bevorzugten
Stellung oder gar der Rechthaberei im Rahmen einer fragwürdigen Legalität ohne
wirkliche Legitimität, lässt sich die bestehende Weltunordnung in eine wirkliche
Friedensordnung verwandeln.
Victor
J. Willi, Rom Disentis
Verfasser der Dissertation
„Der Notstand in der Völkergemeinschaft“, Fribourg 1950
sowie
„Grundlagen einer empirischen Soziologie der Werte und Wertsysteme“
(Habilitationsschrift)
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