Wie ich die AHV unschuldig
betrogen habe
Es muss ein sehr weitsichtiger Schutzengel gewesen sein. Zufällig auf Besuch bei
meiner Schwester in der Nähe von Zürich wurde ich jäh aus dem tiefsten Schlaf
aufgeweckt. Mir hätte nichts Besseres geschehen können; denn der freundliche
Herr aus Genf war froh, mich endlich ausfindig gemacht zu haben. Er wollte
lediglich wissen, wohin er mir, jetzt da ich 65 geworden sei, die AHV-Rente
überweisen solle, auf Bank- oder Postkonto in der Schweizer oder nach Rom, wo
ich damals noch elf Monate im Jahr wohnte und weiterhin meine Italienberichte
auch nach Österreich und in die Bundesrepublik verschickte.
„Weder nach Rom noch irgendwo in der Schweiz“, liess ich den freundlichen Herrn
aus Genf wissen. Ich möchte nämlich dem Beispiel meines Bruders folgen. Im
Wissen, dass die Rente erheblich erhöht würde, wenn man sie erst ab 70 beziehe,
habe er fünf Jahre lang auf den Bezug verzichtet. „Doch keine Angst“, erklärte
ich dem AHV-Vertreter, in meinem Fall würde durch den jetzigen
Vorderhand-Verzicht seine Versicherung nur an mir verdienen: Wer 34 Jahre lang
um fünf Uhr in der Früh den RAI-Nachrichtendienst abhören musste, um ja nichts
für das Mittags- und bald einmal auch für das später eingeführte Morgenjournal
zu verpassen und auch sonst mehr von der Aufregung als der Anregung lebte, hätte
geringe Chancen, 80 Jahre alt zu werden. Bis zu diesem Zeitpunkt würde die AHV
an mir verdienen, nachher allerdings… Ich berief mich auf einen
Versicherungsexperten, der mir alles schwarz auf weiss bestätigt hatte. Im
Vertrauen darauf, dass durch meinen Verzicht die AHV voraussichtlich an mir
verdienen, nicht verlieren würde, willigte der zuvorkommende Herr aus Genf ein.
Keine Zeit zum Sterben
Etwas später las ich den Satz in einer Zeitung: „Wahrscheinlich werden Sie älter
als Sie denken, also müssen Sie sparen!“ Mit nur kleinen Ersparnissen und ohne
Pensionskasse im Rücken blieb mir nichts anderes übrig, als nach wie vor Artikel
und Bücher zu veröffentlichen und auf eine möglichst hohe Entschädigung zu
hoffen, auch Lektionen in Schulen und Referate vor illustrem Publikum zu halten.
Vom „Landschäftler“ in Liesthal konnte ich nichts mehr erwarten. Diese
Regionalzeitung war bereits vor Jahren eingegangen, der Konkurrenz der
Basellandschaftlichen Zeitung zum Opfer gefallen. Sehr zum Leidwesen der
bekanntlich auf den unfreiwilligen Humor sehr erpichten Basler auch auf dem
Lande, denn Herr Kienast nahm es mit der Orthographie und dem Stil auch seiner
Korrespondenten nicht so genau, so dass sich die Leser Tag für Tag, schliesslich
drei Male die Woche köstlich amüsieren konnten.
Der Chefredaktor war gleichzeitig Ausland-, Inlandredaktor und
Lokalberichterstatter, wahrscheinlich auch Setzer seiner Zeitung. Ein Original
sondergleichen. Zum Abschied schrieb er in seinem Dankesbrief, er wolle mir
wenigstens einmal ein anständiges Monatshonorar entrichten. Es betrug sage und
schreibe 240 statt der üblichen 40 Franken, wenn überhaupt…
So wechselte ich zur Basellandschaftlichen Zeitung. Herr Lüdin wusste nicht
einmal, dass ich jahrelang für die Konkurrenz (die keine war) Berichte aus
Italien veröffentlichte. So selten kam ich zum Zug und so unbedeutend war „Der
Landschäftler“!
Ich wurde älter als ich dachte
Dann geschah das für mich Unglaubliche: 15 Jahre zuvor hätte ich es nicht für
möglich gehalten. Ich wurde älter als ich dachte, wurde 80 und auf einmal
entpuppte ich mich als Nutzniesser statt Verlierer der AHV. 1992 war ich ehrlich
und redlich überzeugt, den Millenniumsprung nicht mehr zu erleben, und jetzt
stehe ich schon im zweiten Dezennium des neuen Jahrtausends.
Glück muss man im Leben haben. Es wurde mir „wenigstens“ von Seiten all der
Freunde und der AHV beschert. Bis auf weiteres habe ich keine Zeit zum Sterben.
Victor J. Willi, Rom Disentis
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