Es gibt nichts Gutes – ausser man tut es… … und ist nicht stolz darauf.
Erich Kästner

Der Gegensatz zwischen dem zeitlos Gültigen und dem Zeitgeist-bedingt Gültigen – ein Vorschlag für den bitter notwendigen
Ethik-Unterrichter

Nicky ist ein aufgeweckter Sechstklässler, das Kind einer rätoromanisch-bündnerischen Mutter und einem Vater aus Tschechien. Gilt es im grossväterlichen Haus in Chur etwas zu reparieren oder werden die Alten nicht klug aus der Anleitung eines modernen Gerätes, dann holt der Grossvater seinen Enkel in einer Nachbarsgemeinde ab und kann sich die kostspielige Hilfe eines Handwerkers ersparen.
Was Nicky für seinen Grossvater mütterlicherseits tut, ist zeitlos gut – vorausgesetzt dass es bei der Freude am Geleisteten bleibt. Zieht sie hingegen Nickys Überlegenheitsgefühl, gar die Verachtung des Zwölfjährigen für diese ewiggestrigen Alten nach sich: dass die Grosseltern etwas nicht können, was keinem Teenager besondere Mühe abverlangt, dann wird die Angelegenheit ethisch problematisch. Da kann das an sich Gute wenigstens nach dem Judentum, Christentum und dem Islam in das Schlechteste umschlagen. Nach diesen und andern Religionen ist der Hochmut das Grundübel der Menschheit, das in seiner letzten Konsequenz einen Krieg heraufbeschwören kann. Denn sozusagen immer geht es bei gewaltsamen Auseinandersetzungen auch im häuslichen Umfeld nicht nur um den Erwerb irgendwelcher Vorteile, sondern weit mehr und verhängnisvoller um die Gelegenheit, dem eigenen Überlegenheitsgefühl zum Durchbruch zu verhelfen.

Die geschenkte Kaffeemaschine – ein Geschenk für sich selbst
Anders verhält es sich bei der für den Festtag der Mutter erworbenen hochmodernen Kaffeemaschine. Sie gab sich über Jahre mit der alten zufrieden, findet das dem neuen Haushaltgerät entlockte Getränk keineswegs besser. Sie achtet die Freude, die der Sohn ihr zum Muttertag bereiten wollte und ist beinahe entsetzt, dass ein Freund der Familie ihrem Sohn klarmacht, dass unter diesen Voraussetzungen der Sohn sich selbst, nicht seine Mutter beschenkte.
Nicky ist keineswegs allein und verlassen, vielmehr in bester Gesellschaft mit vielen
Zeitgenossen. Er handelt zeitgeistgerecht. Unsere Wirtschaft läuft vorderhand nach der Devise, dass das Alte als Überholtes weggeworfen werden sollte und durch das Neue ersetzt zu werden verdient. Nach dieser Devise gedeiht die nationale Wirtschaft in der sogenannten ersten hochindustrialisierten Gesellschaft immer besser. Wachstum ist gefragt, Stillstand wird als Rückschritt bezeichnet und verschmäht. Überdies ist es ausserordentlich schwierig, ohne irgendwelche Hintergedanken irgendetwas Gutes zu tun, das Lob der Mitmenschen zu erhoffen, sich selbst dabei gut vorzukommen oder gar – wie unsere Vorfahren erhofften – einen Platz im Himmel zu erobern.

Die Wegwerfgesellschaft – wie lange noch und um welchen Preis?

Hätten alle Menschen weltweit nach den gleichen Bedingungen den Zugang zu allen Gütern dieser Erde, könnte wenigstens von dieser Warte her an der wenigstens früher allgemein verpönten Wegwerfgesellschaft nicht viel ausgesetzt werden. Angesichts der sehr unterschiedlichen Möglichkeiten der Beschaffung der Güter dieser Erde und unseres Knowhows wird die Angelegenheit allerdings in hohem Mass problematisch. Vor allem dann, wenn und solange der Fortschritt in der sogenannten ersten Welt auf Kosten der hungernden dritten Welt (und vielleicht bald auch in unserer Mitte) allzu teuer erkauft werden muss. Dies ist bis heute in hohem Masse der Fall. Es ist keine grosse Übertreibung: Das fast grösste Problem der Menschen in Europa und Nordamerika nördlich des Rio Grande ist die Angst vor der eigenen Körper-Überfülle, dem Dickwerden der Obesität, während zur gleichen Zeit schätzungsweise mehr als zwei Milliarden Menschen zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben haben und täglich tausende, vielleicht sogar mehr als eine Million Menschen, darunter viele Kinder, wegen verseuchtem Wasser und mangelnden Lebensmitteln verdursten, vorzeitig sterben.

Der Gegensatz zwischen zeitlich und überzeitlich Gültigem

Bei allem, was wir tun und lassen, für gut oder schlecht befinden, sollte stets zwischen dem zeitlos Gültigen und dem lediglich dem Zeitgeistgemässen unterschieden werden. Besonders wichtige Aufgabe des Ethik-Unterrichtes könnte es sein, an Beispielen aus dem täglichen Leben jedes Einzelnen und was sie und er übers Internet von andern und andersartigen Menschen und ganzen Völkern zu erfahren vermögen, das an sich über Zeit und Raum hinweg Gültige vom bloss in einem bestimmten historischen Augenblick Zählende zu unterscheiden. Vielleicht sind wir über Katastrophen aller auch natürlicher Art wie dem Tsunami in Japan bereits auf dem Weg zur Erkenntnis dieses himmelhohen Unterschiedes zwischen dem einen und dem andern.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Möglicherweise ist trotz:
• all der Atombomben im Besitz von gegenwärtig mindestens acht souveränen Einzelstaaten und all der früher oder später ewiggestrigen Kernkraftwerken
• des fortschreitenden Hungers in der dritten und der “Überfütterung“ und hyperhygienischen Verweichlichung in der ersten Welt,
• der bisher unbarmherzig fortschreitenden, ohne Überinstanz mit Sanktionsbefugnis nicht zu bezähmenden Erderwärmung,
• der kaum noch Schlagzeilen erzielenden Hochseepiraterie und des unberechenbar zuschlagenden Terrorismus
• der längst nicht überwundenen Finanz- und Wirtschaftskrise
der Augenblick der Kehrtwendung, der in der angelsächsischen Welt viel zitierte point of no return, noch nicht erreicht.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, lautet eine bestimmte Redewendung. Möge sie mit dem den Menschen geschenkten freien Willen den Gang der uns noch bevorstehenden Weltgeschichte erfüllen!

Victor J. Willi, Rom Disentis

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