Was sich gehörte – damals vor 70 Jahren
- in den 50er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts

Und wir hielten uns daran,
fanden es selbstverständlich richtig
wie das Meiste, das uns empfohlen wurde
und zur sogenannten guten Kinderstube gehörte.

Wir lernten, was sich gehört und nicht gehört:
die Gabel auf dem Tisch zur linken, nicht der rechten Seite des Tellers
das Messer zur rechten Seite
und oberhalb der sogenannte Suppenlöffel,
manchmal das einzige Besteck rundherum,
der Griff des Löffels unbedingt zur rechten Seite.

Durch diese Anweisung kamen die Linkshändler nicht auf ihre Rechnung,
doch das spielte für die gute Stube keine Rolle,
im Gegenteil: wir wurden genötigt, vielleicht sogar gezwungen
mit der rechten Hand zu schreiben,
höchstens der Ball in der grossen Pause
durften wir mit der linken werfen
vielleicht auch nur, weil der Lehrer in der Pause
mit anderem beschäftigt war.

So erhielt mein jüngerer Bruder eine Ohrfeige
Für etwas, das sich nicht gehörte,
ich weiss nicht mehr warum,
weiss er es noch?
Spielt es überhaupt eine Rolle?

Es scheint nach 70 Jahren keine Rolle mehr zu spielen,
oder doch, weil der Schlag mit der rechten Hand des Lehrers
zur Beibehaltung von Ruhe, wenigstens der Ordnung
damals durchaus angemessen war
und zu dem gehörte
was sich gehörte
und von den meisten als selbstverständlich richtig empfunden wurde.


Der Schläger war schliesslich ein Lehrer,
wir nur die Kinder, die lernen mussten,
was sich gehörte
im allgemeinen und im besonderen
ohne Möglichkeit der Widerrede
es sei denn im Selbstgespräch
und heute zur Erinnerung an andere Zeiten,
die heute nicht besser sind… nur anders-artig.
 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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