Wo alle das Recht haben, sich zu blamieren
Möglichkeiten und Grenzen der Demokratie: die stets lauernde Gefahr der Demagogie, Oligarchie und Diktatur

In jeder Luftseilbahn voller Menschen hat der Einzelgänger genügend Zeit, die anderen wartenden Menschen näher zu betrachten. Alle warten auf die Ankunft, die Befreiung aus den Kabinen. Zwar besteht kaum die Gefahr eines Stillstandes, gar des Absturzes in die unumgängliche tödliche Tiefe. Wenn sich die Schiebentür öffnet, sind jedoch alle wenigstens ein bisschen froh, auch wenn sie es sich kaum eingestehen. Weshalb auch? So viele Male ist alles plangemäss verlaufen. Unfälle mit fürchterlichem Ausgang kennen sie lediglich aus den Massenmedien.

Glatzkopf mit einem kümmerlichen Zopf
Ist die Luftseilbahn ein Spiegelbild des heutigen politischen Geschehens? Heute und vielleicht morgen… oder erst übermorgen? Gegen 17 Uhr – zu Beginn eines neuen Jahres – lässt die Dunkelheit nicht mehr lange auf sich warten. Da sind die Luftseilbahnen in Orten wie St. Moritz, Zermatt, Davos, Arosa, aber auch Disentis im Bündner Oberland voller heimkehrender Skiläufer. Um die Zeit bis zur Ankunft in der Talstation zu vertreiben, schwatzen die meisten untereinander. Ich bin allein und sehe einen vielleicht fünfzigjährigen Mann, einen Glatzkopf par excellence mit doch noch einem Haaransatz im Genick dicht vor meiner Nase. Bei aller Kümmerlichkeit stellt er ihn mit einem Gummiband zu einem Zopf gebündelt zur Schau.
Diese „Haartracht“ hinter der Glatze bietet einen geradezu peinlichen, aber aussagekräftigen ziemlich lächerlichen Anblick. Niemand in der Kabine scheint den winzigen Zopf hinter dem Glatzkopf zu beachten. “Soll jeder tun können, was ihm passt“, lautet die Devise in einem demokratischen Staat. Bange Frage jedoch: Würde dieser Mann es auch in irgendeinem Land ungeachtet der Staatsform tun? Hätten die Nazis dies zugelassen? Oder wäre es ihm aus vorsorglichem Gehorsam gar nicht erst in den Sinn gekommen, sich so abwegig in der strammen Öffentlichkeit zu zeigen? Den kläglichen Rest seiner Haar notdürftig zusammenzubinden und mit einem Gummiband zu befestigen? Und überhaupt: Wie gelingt ihm diese sonderbare Verknüpfung? Hilft ihm jemand dabei und findet diesen kläglichen Anblick sogar schön, wenigstens originell?

Weg frei für die Blamage
Die Demokratie ist jene Staatsform, in der jeder das Recht hat, sich zu blamieren… so lange sie sich für die meisten bewährt, niemand sich dagegen wehrt. Zunächst vielleicht nur im Namen der herrschenden Mode, des Üblichen und schliesslich des für alle Verbindlichen, des für verbindlich Gehaltenen? Denken und schreiben, kurzum einfach tun, was ihnen, nur ihnen und vielleicht noch einigen Gleichgesinnten beliebt? Zum Zeichen der Zugehörigkeit zu den Outsidern oder einfach den Andersartigen – freilich nicht nur in Sachen der Haartracht, sondern bald wieder einmal in allen Belangen, die in einer Diktatur korrigiert, eliminiert und schliesslich exekutiert, “ab-geschafft“ werden können? Mit Unterstützung des kleinen Mannes, der allermeisten im Lande?

Begeisterung und Ernüchterung auf Zeit und Abruf
Ist die Demokratie tatsächlich die Staatsform, in der alle das Recht haben, sich zu blamieren? Oder sollte es vielmehr heissen: Die Demokratie ist jene Staatsform, in der allen Menschen – aus Zufall, Schicksal oder etwas Höherem – das Recht zukommt, ungestraft aus der Reihe zu tanzen – gleichgültig wohin dieser Tanz führt? Häufig nach einem fürchterlichen Krieg, der von einer Diktatur mit ihrer jämmerlichen Paradiesvorstellung, beispielsweise “am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ heraufbeschworen wurde? Und deren Ende alle Menschen – Sieger und Besiegte – früher oder später ernüchterte und – einmal mehr – etwas Besseres, das angeblich wirkliche Himmelreich schon hier auf Erden erhoffen lässt? Schürt das in der amerikanischen Verfassung verankerte Recht auf Glück für jeden Einzelnen in der globalisierten Gesellschaft als Möglichkeit und Anspruch (für jeden Tüchtigen) sämtliche materiellen und geistigen Bedürfnisse zufriedenstellen zu können und zu dürfen, mehr als eine weitere blosse Illusion?

Vielleicht sind dies weit aktuellere Fragen, als es bei der heutigen Narrenfreiheit in der noch satten Welt den Anschein bietet.

 

Victor J. Willi, Rom Disentis

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